LVIII - Atemlosigkeit in den Gedanken
»Lassen Sie denen doch die Kameras wegnehmen«, sagte Krüger.
Der Kommissar zuckte nur mit den Schultern: »Denen kann ich sie wegnehmen, aber den Menschen in der Menge nicht. Ich wette, das Bild von der Hauswand ist schon bei Twitter und Facebook gelandet. Wir müssen nur verhindern, dass es in einer Zeitung, im Radio oder im Fernsehen erscheint.«
»Aber ...«, versuchte Krüger ihn zu unterbrechen.
»Was nicht offiziell ist, glauben die meisten Menschen auch nicht. Es gerät in Vergessenheit, wenn es keine Bestätigung durch die Medien gibt.«
»Ist das denn schon alles abgesprochen?«
»Sehen Sie hier irgendwo ein Fernsehteam? Ich habe das schon am Montag geklärt«, sagte Frank, »ich dachte, das hätten sie mitbekommen.«
»Ich war etwas neben der Spur«, entschuldigte sich Krüger.
»Ich weiß«, lächelte Frank und sorgte bei seinem Assistenten wieder für eine Überraschung, »aber das ist auch verständlich.«
Etwas ungläubig musterte Krüger seinen Vorgesetzten. »Warn Außerirdische da und stecken jetzt in ihrem Körper?«
Der Kommissar schüttelte den Kopf: »Nein, ich bin nur müde. Ich meckere auch gleich wieder, aber jetzt fahren wir erst mal nach Winterhude.«
Kapellke und Schmidt hatten bereits im Fond Platz genommen und Krüger manövrierte den Wagen mit aufgesetztem Blaulicht durch die Straßen. Konrad Frank knetete seine Hände und sah abwechselnd aus der Frontscheibe und aus dem Seitenfenster. Fast im selben Rhythmus rotierten seine Gedanken, wobei er krampfhaft versuchte, etwas Struktur hineinzubringen. Es war unvorstellbar, dass heute zwei Morde auf dem Programm standen. Ob das so geplant war? Warum durchbrach der Täter immer wieder sein Schema, warum sprang er wie ein Irrer durch die Gesellschaftsgruppen und die Geschlechter. Das alles ging so rasend schnell, dass sie kaum Zeit fanden, sich in Ruhe mit einem Mord auseinanderzusetzen. Wenn es um die Auswertung der spärlichen Fakten ging, hingen sie jetzt schon meilenweit hinterher. Meilenweit. Und jetzt der zweite Mord am selben Tag. Wenn das morgen aus so wäre, dann käme danach nichts mehr, dann wäre tatsächlich alles ausgestanden, falls man dem Irren und seiner Nachricht »Halbzeit« Glauben schenken durfte. Frank hasste sich dafür, dass er sich danach sehnte, dass diese zwei Opfer einfach nur gefunden wurden und sie den Fall zu den Akten legen konnten. Es war im Grunde genommen alles hoffnungslos, alles planlos was sie taten, die Ermittlungen selbst waren sinnloser als die Taten selbst. Ob es das war, was der Täter wollte? Chaos und Verzweiflung streuen? Und dann fiel ihm Malina ein, Stine und Jakob. Seit Sonntag waren sie kurz gekommen, er hatte es sogar gewagt, Malina einzuweihen und ihr von all den Dingen zu erzählen. Sie litt darunter, er war nicht einmal richtig darauf eingegangen, sondern hatte sie in diesem Moment einfach nur dafür ausgenutzt, um sich zu erleichtern und ein besseres Gefühl zu bekommen. In guten wie in schlechten Tagen, ging es nicht darum in einer Ehe? Aber als Vater hatte er zumindest in dieser Woche kläglich versagt, das würde sich bei der Frequenz an Toten auch nicht mehr ändern. Es gab einfach zu viele Fragen ohne Antworten, es gab letztlich gar nichts, das irgendein Zeichen dafür wäre, dass alles besser werden würde.