VIII - Lösungen und Hindernisse

Es war die übliche Mischung aus Hohn und Skepsis, die Menschen an den Tag legen, wenn jemand etwas leistet, was ihnen selbst immer wieder misslingt. Krüger verzog für den Bruchteil einer Sekunde das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen, die anderen sahen Carola Warras an, so als hätte sie gerade behauptet, sie könne in einem Gurkenfass ein Orchester dirigieren und nebenbei ein Flugzeug bauen. Sie aber hielt den Blicken stand und lächelte demonstrativ.

»Ich habe mir gestern noch eine lange Zeit Gedanken gemacht, wie das zu lösen ist«, sagte Frank, »aber mir waren das einfach zu viele Kombinationen.«

Sie zuckte mit den Schultern: »Ich glaube ja nicht, dass ich die Weisheit gepachtet habe, ich meine eben nur, dass ich eine passable Lösung gefunden habe.«

»Und?« Krüger gab sich keine Mühe, die Neugier und den Spott zu verbergen. »Kommen Sie, erleuchten Sie uns.«

»Gerechtigkeit.«

Für einen Moment war es still im Raum. Der Geruch des Öls trieb durch die Luft, die Geräusche der vorbeirollenden Autos drangen wie brechende Wellen durch die halb geöffneten Fenster, doch als auch das ausblieb, schien die Zeit für einen Moment stillzustehen. Dann zückte Krüger seinen kleinen Notizblock und kritzelte darin herum. Die anderen dachten angestrengt nach, während Kommissar Frank anerkennend nickte. Und bevor Krüger irgendetwas sagen konnte, griff sich Frank an den Kopf und tat so, als lüftete er einen Hut. »Wenn ich einen Zylinder tragen würde, dann würde ich ihn ziehen.«

»Sie könnten so einen zum Klappen haben und unter der Jacke tragen.«

»Chapeau Claque«, warf Langeneke ein und grinste. »Immerhin weiß ich auch mal was.«

»Und das ist nicht mal ihr Spezialgebiet«, sagte Warras trocken.

Frank räusperte sich: »Ich weiß nicht, ob das nun die Lösung ist, aber mit 'Gerechtigkeit' lässt sich ja vielleicht etwas anfangen. Vielleicht gibt es eine Verbindung zwischen den Opfern, wir müssen prüfen, ob es Überschneidungen gibt. Wie hat der Täter überhaupt ausgewählt, gibt es irgendein Muster, ist da etwas, das alles miteinander verbindet? Wir müssen das Warum finden, damit wir ihn kriegen.«

Am späten Nachmittag erschien Ben Langeneke in Franks Büro, hatte einen Stapel Zettel unter dem Arm und einen ernsten Ausdruck im Gesicht. »Bereit?«, fragte er, als er das Büro seines Vorgesetzten betrat.

Frank war gerade damit beschäftigt, Fakten und Vermutungen zu aktualisieren. Die Ermittlungen innerhalb der Wohnung waren zudem noch längst nicht abgeschlossen, das Chaos machte es schier unmöglich, nach etwas zu suchen, von dem niemand wusste, was es war. Irgendeinen Hinweis musste es auch hier geben. Aber sie hatten vergeblich nach Zetteln gesucht und auf den Rechnern, die vor Ort gefunden worden waren, gab es unzählige von Daten, aber die Untersuchung war noch längst nicht abgeschlossen. Er sah den ernsten Blick von Langeneke und nickte ihm zu. »Klar, bereit.«

»Ich sag es mal so: Der Typ ist ein Wichsbarde.«

»Bitte?«

»'Tschuldigung, aber so etwas habe ich echt noch nicht erlebt. Das Opfer, Brian Chism, wurde an den Boden gefesselt. Dann hat er Typ diesen Kasten aus Plexiglas um ihn herum gebaut, diesen Apparat installiert und in Gang gesetzt. Zu dem Zeitpunkt lebte das Opfer noch, war aber wohl noch ruhig gestellt. Todesursache ist Ertrinken, wobei die Sache mit dem Öl wirklich eine ätzende Sache ist.«

Frank schüttelte wie mechanisch den Kopf.

»Der Boden war mit Flüssigsilikon ausgepinselt, es gab aber wohl doch undichte Stellen, denn in der Wohnung darunter kam das Zeug ja an der Decke zum Vorschein. Ich weiß jetzt nur nicht, ob das geplant war oder ob der Typ einen Fehler gemacht hat.«

»Hätte er einen Vorteil gehabt, wenn der Tod erst später bemerkt worden wäre?«

Langeneke zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung, ich werde daraus einfach nicht schlau. Ich meine, es gibt keine Zeichen vom gewaltsamen Eindringen, es gibt einen Einstich im Arm, aber keine Anzeichen von Gewaltanwendung, es gab keinen Kampf, es gab gar nichts. Es gibt nur den Toten in dieser Wohnung. Wenn ich boshaft wäre, dann würde ich behaupten, es war Selbstmord, was natürlich Schwachsinn ist, er kann sich mit diesen Scharnieren ja nicht selbst an den Boden ketten.«

»Der muss das Zeug doch irgendwie in die Wohnung gebracht haben, das kann doch nicht vollkommen unbemerkt geblieben sein.«

»Mietshäuser.«, sagte Langeneke, »Die Nachbarn auf derselben Etage wussten nicht einmal, dass Chism Amerikaner war, die haben nie ein Wort gewechselt. Und die aus der Wohnung darunter haben direkt beim Vermieter angerufen, statt erst einmal ein Stockwerk höher nachzufragen, ob da eventuell Öl ausgelaufen sein könnte. Da kriegt keiner was mit, das interessiert auch keinen, was da passiert. Wenn der Typ schlau ist, und davon gehen wir ja wohl aus, dann hat er das alles nachts gemacht und war dabei auch noch leise.«

Frank nickte. »Gut, ich kann jetzt den Begriff 'Wichsbarde' etwas besser einordnen.« Ein kurzes Lächeln huschte ihm über das Gesicht, weil er im Grunde genommen kein Freund von Schimpfworten war, aber in diesem Fall klang das einfach zu gut und war zu speziell. Und auch wenn der Täter vielleicht keine musikalischen Kenntnisse an den Tag legte – es passte einfach. »Sonst noch was?«

»Den kompletten Bericht gibt es morgen, einen vorläufigen habe ich hier dabei«, sagte Langeneke und legte den Stapel Papiere auf Franks Schreibtisch. Allerdings behielt er einen Zettel in der Hand. »Das Schrägste aber zum Schluss, weil sie sicher schon drauf gewartet haben.«

Frank sah ihn erwartungsvoll an.

»Unter dem T-Shirt des Opfers lag direkt auf der Haut ein dickes Stück Papier, auf dem das hier in Druckbuchstaben geschrieben war:
es gibt ihrer fünf und ich will den zweiten
heinrich der achte soll dann dich geleiten
vier bleiben zum schluss, der letzte kann reiten
es gibt ihrer fünf und ich will den zweiten.
Und glauben Sie mir, ich habe schon viel schräges Zeug erlebt, aber das ist wirklich kranker Shit.«

»Oder große Kunst«, murmelte Frank. »Ist das vielleicht irgendein Zitat?«

»Ich habe im Internet und in den Datenbanken nichts gefunden.«

»Ein Rätsel«, sagte Frank monoton, »ein Scheiß-Rätsel.«

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Letzte Kommentare

  • Heimat

    25 Apr 2012
    wie wahr. du sprichst mir aus der seele.
  • Peters Wahnsinn...

    25 Apr 2012
    schöne gute nacht geschichte ! DANKE
  • Experten

    24 Apr 2012
    Dieser Text sollte auf einem Werbeplakat stehen!

    bi...
  • Nur eine Phase

    09 Apr 2012
    Einfach nur ein Nicken, ohne Worte...
  • Nur eine Phase

    09 Apr 2012
    Ich umarme Dich. In Gedanken. Ohne Worte. Aber ums...

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