VII - Alles in Öl
Er drückte sich an Beamten vorbei, stand im kleinen Flur und sah sich um. Die Wohnung war ein heilloses Chaos, überall lagen Elektroteile herum, schmutzige Wäsche lag auf dem Holz-Fußboden in kleinen Haufen, die scheinbar wahllos drapiert waren. Rechts von ihm türmte sich das Geschirr in der Spüle zu einem seltsamen Konstrukt, ganz oben ragte eine Tasse ohne Henkel wie eine stummelige Antenne in die muffige Küchenluft. Auf dem Herd stand eine Pfanne mit einem undefinierbaren Brei, von dem Frank annahm, dass es sich mal um Gemüse gehandelt hatte. Links warf er einen Blick in das Schlafzimmer, in dem ein ungemachtes Bett stand und noch mehr Kleidung auf dem Boden lag. Sowohl hier als auch in der Küche waren die Fenster geöffnet, was dafür sorgte, dass der Geruch von Oliven nicht so penetrant in der Luft stand.
Frank ging langsam weiter. Auf der linken Seite folgte eine weitere Tür, halb geöffnet gab sie den Blick frei auf ein Arbeitszimmer, in dem sich vermutlich jemand damit beschäftigt hatte, Rechner zusammenzusetzen oder sie zu reparieren. Noch mehr Elektroteile auf dem Boden, in Regalen und auf dem Tisch ein Berg von Kabeln und Gestellen, Werkzeug lag überall verteilt herum. Auf der rechten Seite stand die Tür komplett offen und zeigte ein auf den ersten Blick faszinierendes Bild: Ein großer, durchsichtiger Kasten gefüllt mit einer öligen Flüssigkeit stand auf dem Boden, darüber ein Apparat, aus dem noch immer in regelmäßigen, aber sehr langen Abständen Öl tropfte. Frank machte zwei Schritte auf den Kasten zu, sah darin einen Mann liegen, der mit weit geöffneten Augen an die Decke oder eben den Apparat starrte.
»Wo ist die Spurensicherung?«, schrie er.
»Hinter ihnen«, sagte eine ruhige Stimme.
»Verdammt, waren Sie schon die ganze Zeit da?«
»Nein«, sagte der Mann, »ich bin eben angekommen.«
»Er ist mit uns gekommen«, warf Krüger ein, der mit den anderen nun ebenfalls im Raum stand und auf den Glaskasten starrte. »Er ist versetzt worden«, murmelte er Frank zu.
»Frank«, sagte er und streckte seine Hand aus.
»Ich bin Ben«, sagte der Angesprochene und griff nach der Hand.
Die Umstehenden grinsten.
»Was?« Der Neue sah verunsichert in die Runde.
»Das ist mein Nachname«, sagte Frank lächelnd, »aber es ist schon in Ordnung.«
»Okay«, sagte Ben und blickte zu Boden, »prima Start. Ich heiße Langeneke.«
Frank nickte ihm zu. »An die Arbeit.«
Ben Langeneke öffnete seinen Koffer, holte die Kamera raus und begann, Fotos zu machen. Auch in die anderen kam Bewegung. Gummihandschuhe wurden übergezogen, vorsichtig sagen sich die Männer um.
»Darf ich mitspielen.«
Die junge Frau, die während sie den Satz sprach, gleichzeitig an der Tür klopfte, lächelte in den Raum.
»Wer sind Sie?«
»Carola Warras.«
»Was machen Sie hier?«
»Ich bin zugeteilt worden als Fallanalytikerin.«
Frank atmete tief durch. »Gibt es hier noch jemanden, den ich kennenlernen muss, ohne vorher darüber informiert worden zu sein? Gibt es noch irgendetwas, das ich wissen muss, um mir weitere Überraschungen zu sparen.«
»Sie könnten dem Toten ein Ständchen geben, der hat heute Geburtstag.«
»Lassen Sie Ihre blöden Witze, Krüger.«
»Er hat wirklich ...«
»Das ist mir egal!« Es war einer dieser Momente, in denen Frank aus sich heraustrat und sich selbst in der Szenerie betrachtete. Verärgert stand er in der Mitte des Raumes, fühlte sich seiner Autorität beraubt und hatte das Gefühl, wie ein Löwe um seine Vormachtstellung im Rudel kämpfen zu müssen. Objektiv betrachtet war das gar nicht notwendig, das war ihm klar. Aber die zwei Neuen, die Grausamkeit des Tatorts, das alles waren Stressfaktoren, die er so nicht einkalkuliert hatte.
»So, jetzt ist auch gut«, sagte er im versöhnlichen Tonfall. »Los, weitermachen.« Er wandte sich zu Carola Warras. »Wie kommt es, dass sie hier sind?«
»Nach der Sache von gestern und der Meldung hat man mich Ihnen zugeteilt und spätestens seit heute Morgen ist das sicher auch richtig. Man glaubt, dass es da einen Zusammenhang geben könnte.«
»So, glaubt man das?«
Sie deutete auf den Kasten: »Der Mund ist verschlossen, sie ahnen sicher, warum.«
»Verklebt«, murmelte Frank. »Was wissen Sie über die Sache mit Thorsen?«
»Ich habe nur Krügers Bericht gelesen, mehr nicht. Aber das ist schon schlimm genug.«
Frank nickte. »Ging alles sehr schnell, wann hatten Sie Zeit, das zu lesen.«
»Im Taxi«, sagte sie lächelnd, »ich habe nicht alles gelesen, aber es hat mir gereicht.«
»Schon irgendwelche Gedanken zum Fall?«
»Nur Vermutungen, für fundierte Aussagen fehlt es noch an Zeit. Es wäre möglich, dass der Täter ich-dyston ist und die Morde deshalb in einem Zustand begeht, in dem er sich im Grunde genommen gar nicht wohlfühlt. Dagegen spricht die Leidenschaft und die Genauigkeit seiner Handlungen, die prätentiöse Ausdrucksform in seiner Kommunikation. Er hält sich für etwas Besseres, er fühlt sich uns überlegen und will ein Spiel spielen, von dem er überzeugt ist, es zu gewinnen.«
»Ziemlich viele Fremdworte«, sagte Frank ruhig, »und auch wenn ich mir das alles zusammenreimen kann, wäre ich beim Bericht froh, wenn Sie das verständlicher ausdrücken könnten.«
»Ja, lässt sich einrichten.«
Krüger trat an die beiden heran: »Der Typ ist doch krank, das ist unmenschlich, was der veranstaltet.«
»Ob nun unmenschlich oder nicht, der Täter war wohl nicht mehr im Raum, als der Mann starb.« Langeneke kniete vor dem Kasten und blickte zu den Dreien nach oben. »Die Vorrichtung lässt Öl in den Kasten laufen, wie und welche Mengen, kann ich jetzt noch nicht sagen. Der Kasten ist aus Kunststoff, an den Ecken und Kanten verklebt, der Fußboden wurde mit Flüssigsilikon ausgepinselt. Der Mann ist mit Schellen an den Boden gefesselt worden, vermutlich wurde er betäubt und kam erst zu sich, als das Öl schon auf ihn tropfte.«
»Ich will Fakten«, sagte Frank, »keine Vermutungen. Raten kann ich selbst.«
»Das Öl muss raus«, erklärte Langeneke, »dann gibt es Fakten.«
»Dann lasse ich die Jungs von der Feuerwehr nach oben...«
»Nein, ich werde das selbst machen. Wer weiß, was sich in dem Öl alles befindet, ich will keine Spuren verlieren.«
»Gut.« Frank war zufrieden mit der Aussage und ärgerte sich gleichzeitig darüber, dass er nicht selbst darauf gekommen war. »Brauchen Sie was?«
»Die Geräte fordere ich telefonisch an, am Nachmittag haben wissen wir sicher mehr.«
»Wo waren Sie gestern? Da hätten wir Sie auch schon gebrauchen können.«
Langenke zuckte mit den Schultern. »Ich bin gestern Abend aus dem Urlaub zurückgekommen. Den Start heute hatte ich mir anders vorgestellt.«
Die Warras berührte Frank an der Schulter. »Über die Buchstaben auf der Tastatur bei der Thorsen haben Sie schon nachgedacht?«
»Ja, klar, aber bislang gibt es noch keine Ideen.«
»Das können ja unzählige Möglichkeiten ein«, meldete sich Krüger noch einmal zu Wort.
»Ja«, sagte sie, »aber ich habe zumindest eine brauchbare Lösung parat.«