VI - Es gibt keine Pause

Montagmorgen. Das Büro war gefüllt mit Menschen, die etwas sagen wollten, aber alle schwiegen, weil letztlich jeder der Anwesenden wusste, dass nichts von dem Gesagten sie weiter bringen würde. Unterm Strich stand nur die Ratlosigkeit, weil es wirklich keinen Anhaltspunkt gab. Einzig die Gummihandschuhe, mit denen der Täter arbeitete, konnte auf ein bestimmtes Modell eingeschränkt werden. Gelbe Haushaltshandschuhe, die überall zu bekommen waren und deren Oberfläche ebenfalls keinen Halt gab. Kommissar Frank studierte die Berichte, schüttelte immer wieder den Kopf, sah in die Runde der ratlosen Gesichter, um dann wieder den Kopf zu schütteln. »Es muss doch irgendetwas geben, wir müssen irgendetwas übersehen haben.«

 

Es blieb ruhig im Raum.

Dann räusperte sich Krüger. »Ich glaube, wir können nicht viel tun, der Typ ist...«

»Wir können immer etwas tun«, unterbrach ihn Frank. »Sind alle Bewohner vom Haus befragt worden? Sind im Treppenhaus noch Spuren? Wurde der Umkreis um das Fahrzeug im Wald erweitert? Was ist mit den Buchstaben von der Tastatur, hat da jemand schon mal drüber nachgedacht?«

»Ich habe da mal ein bisschen geknobelt«, meldete sich wieder Krüger, »aber da kam nur Schrott raus. Viele Möglichkeiten gibt es da nicht, sind ja nur acht Buchstaben.«

»Das sind acht Tasten, Krüger, das sind unzählige Möglichkeiten, damit lassen sich eventuell sogar ganze Sätze bilden. Wir müssen alle ganz anders denken, wenn wir ihn kriegen wollen. Alles andere, was vorher war, war Kindergarten gegen das hier. Und auch wenn das nur eine Vermutung ist, so glaube ich, dass der Typ mit uns spielen will. Der will uns zeigen, wie schlecht wir sind, der will uns zeigen, dass er besser ist. Und, liebe Kollegen, das lasse ich nicht mit mir machen. Wenn der uns schon bei der Ehre packen will, dann zeigen wir jetzt auch mal, wer wir sind.«

Alle nickten, niemand traute sich, etwas zu sagen.

»Gut, dann verteilen wir jetzt Aufgaben.« Frank gab Anweisungen, um wirklich auch nichts außer Acht zu lassen, ließ noch einmal Beamte im Haus ausführliche Befragungen machen und der Wald, in dem der Wagen gefunden wurde, sollte noch einmal ausgiebig durchsucht werden. Aber es sollte anders kommen. Denn mitten in die neuen Planungen hinein platzte die Nachricht eines neuen Toten. Frank musste an die Dramen in den Theatern denken, wenn atemlose Boten immer irgendeine schlechte Botschaft überbrachten. Meistens war dann gerade ein Krieg ausgebrochen oder irgendeine Liebelei hatte zu Schlimmerem geführt und der Sohn des Königs war plötzlich nur noch der Zweitgeborene. Und der Zeitpunkt für diese Botenauftritte war immer genau der Moment, in dem alle das Gefühl hatten, jetzt alles in den Griff zu bekommen. Und Frank hatte für ein paar Minuten daran geglaubt, Licht in das Dunkel zu bringen können, irgendeinen Ansatzpunkt zu finden.

»Wo?«, fragte Frank den Beamten, der die Runde mit dem Klopfen an der Tür und dem raschen Eintreten gesprengt hat.

»In einer Wohnung in Eppendorf«, sagte der junge Mann und legte einen Zettel mit der Adresse auf den Tisch.

»Einpacken«, kommandierte Frank, »wir müssen da hin.«

Vier Zivilwagen machten sich mit aufgesetztem Blaulicht auf den Weg durch die Stadt, Kommissar Frank saß mit ernster Miene am Steuer seines BMW und fragte sich, was auf ihn warten würde. »Tötung mit Öl«, hatte auf dem Zettel gestanden, die Sache war sofort an ihn weitergeleitet worden. Tötung mit Öl. Die Sache mit dem Wagen im Wald war schon skurril genug, jetzt also Öl. Als die vier Wagen in einer Kolonne in Schedestraße Wagen eintrafen, stand vor dem Haus ein Feuerwehrwagen. »Was wollen die hier?«, fragte Frank einen der Beamten vor Ort.

»Das Öl absaugen, die warten nur noch auf unser Okay.«

Franks Gesicht hatte schon intelligentere Züge gezeigt. Das Öl absaugen. Er ging an dem Mann vorbei auf den Hauseingang zu, wo die Beamten der städtischen Feuerwehr warteten. »Was ist mit dem Öl?«

Statt einer Antwort zeigte einer der beiden Männer nur auf das Treppenhaus und sagte lakonisch: »Gucken Sie sich das Selbst an.«

Mit einem wirklich miesen Gefühl stieg Kommissar Frank die Stufen nach oben, bemerkte dabei, dass er immer schneller wurde. Ganz oben, im vierten Stock standen zwei Beamte vor der aufgebrochenen Tür. Es roch nach Oliven. Zumindest glaubte Frank diesen Geruch auszumachen.

Auftritte

Letzte Kommentare

  • Heimat

    25 Apr 2012
    wie wahr. du sprichst mir aus der seele.
  • Peters Wahnsinn...

    25 Apr 2012
    schöne gute nacht geschichte ! DANKE
  • Experten

    24 Apr 2012
    Dieser Text sollte auf einem Werbeplakat stehen!

    bi...
  • Nur eine Phase

    09 Apr 2012
    Einfach nur ein Nicken, ohne Worte...
  • Nur eine Phase

    09 Apr 2012
    Ich umarme Dich. In Gedanken. Ohne Worte. Aber ums...

Das Kabel in der Welt

D. saß in seinem Labor und betrachtete die Anordnung der Versuchsobjekte. Er hatte tagelang berechnet, wir es funktionieren konnte, aber Theorie und Praxis lagen trotz genauester Berechnungen oft meilenweit auseinander. Wenn es jetzt gelänge, das Licht weiter zu bündeln, dann wäre das im wahrsten Sinne ein Durchbruch. Wenn es nicht funktionierte, dann wäre es auch möglich, dass in diesem Moment alles endete. Weiterlesen...

»Lassen Sie denen doch die Kameras wegnehmen«, sagte Krüger.

Der Kommissar zuckte nur mit den Schultern: »Denen kann ich sie wegnehmen, aber den Menschen in der Menge nicht. Ich wette, das Bild von der Hauswand ist schon bei Twitter und Facebook gelandet. Wir müssen nur verhindern, dass es in einer Zeitung, im Radio oder im Fernsehen erscheint.«

»Aber ...«, versuchte Krüger ihn zu unterbrechen.

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»So viel Zeit muss sein«, sagte Frank und ging zur Zeugin, stellte sich vor. »Was haben Sie denn gesehen oder gehört?«

»Gestern Abend habe ich eine Frau gesehen, die mit dem Mann von da oben zusammen ins Haus gegangen ist. Lange blonde Haare, nicht unbedingt zierlich, aber auch nicht dick, eine Jeans und einen Pullover hatte sie an und so komische Stiefel ...« Weiterlesen...

Die Vier sahen ihn ungläubig an: »Einen Zeugen?«, fragten Kapellke und Schmidt unison und blickten dann etwas irritiert zueinander. »Ich weiß auch nicht mehr«, sagte Frank, »aber wir rücken jetzt ab. Das Versiegeln des Tatorts können die Kollegen hier übernehmen.« Weiterlesen...

Sie wirkte nicht nur nachdenklich, sie war es auch. Zum einen zweifelte sie ohnehin schon an ihren Fähigkeiten, weil sie im Verlauf des Falles nichts zur Aufklärung hatte beitragen können, zum anderen glaubte sie wiederum auch nicht daran, dass jemand von außerhalb mehr bewirken konnte als sie. Es standen einfach nicht genug Informationen zur Verfügung, um irgendetwas Hilfreiches sagen zu können, da würde auch ein Spezialist aus den USA nicht viel bewirken. Sie verzog den Mund kurz zu einem trotzigen Halbmond, gab sich aber schon fast im selben Moment Mühe, entspannt und gleichgültig zu wirken. »Vielleicht«, sagte sie dann noch einmal, »vielleicht bringt es etwas.« Weiterlesen...

Das Kabel in der Welt