V - Mann oder Frau
Er blieb noch einen kurzen Moment vor der Tür stehen, bis er Stine halblaut sagen hörte: »Ich weiß, dass du da bist, Papa, ich kann ich hören!«
»Ruhe jetzt!«, flüsterte er. »Wer so gut hören kann, sollte noch besser schlafen können. Bis morgen.«
Langsam schritt er durch den Flur zurück, warf noch einen Blick ins Wohnzimmer, sah Malina dort sitzen und lesen, ging weiter bis zum Ende des schmalen Ganges und machte erst Halt, als er das Arbeitszimmer betrat. Frank schloss die Tür hinter sich und atmete durch, strich sich mit der Hand durch die Haare und schüttelte dann den Kopf. Was für ein grausamer Tag. Ob er in der Nacht Ruhe finden würde, oder verfolgten ihn die Bilder diesmal bis in den Traum hinein?
Auf dem Schreibtisch lagen noch die beiden Zettel: Fakten und Vermutungen. In den Filmen war das immer so einfach, da machten die Täter Fehler, da stellten sie sich teilweise so dämlich an, dass selbst eine Gruppe von interessierten Schülern sie überführt hätten. Dass das im Film dann alles so lange dauerte, lag nur daran, dass sich die Ermittler oft noch dümmer anstellten, als die Täter. Die meisten Kriminalfilme waren für Konrad Frank deswegen kaum zu ertragen, es war fernab von der Realität, was sich dort abspielte.
Er nahm wieder am Schreibtisch Platz und überlegte, wie er einen Zugang bekommen konnte. Gleichzeitig ärgerte er sich darüber, dass er wie im Nebel in der Sache herumstocherte, denn bislang waren die Vermutungen klar in der Überzahl. Er stand wieder auf, ging um den Schreibtisch herum, setzte sich wieder hin, nur um gleich wieder aufzustehen und erneut um den Schreibtisch zu laufen. Sie würden bei der Obduktion irgendein Betäubungsmittel finden, es musste ein Einzeltäter sein, davon war Frank überzeugt. Er hatte das alles geplant, nicht erst seit ein paar Tagen, sondern schon seit langen Jahren, er würde nicht den Fehler machen, irgendwo eine große Menge Sekundenkleber einzukaufen oder Spuren zu hinterlassen. Er würde weiter machen, die Ankündigungen auf dem an ihn gerichteten Zettel war eindeutig. Und was bedeuteten die Buchstaben auf der Tastatur, die noch zu bewegen waren? Das musste alles in einem Zusammenhang stehen. Die Gedanken in ihm verdichteten sich zu einer großen, gigantischen Masse, die alles breit machte. Fast war es so, als säße er am Strand und hörte nichts weiter als das Meeresrauschen, keine einzelnen Wellen, sondern nur einen breiigen Ton, der nichts weiter zuließ. Er schloss die Augen und atmete noch einmal tief durch.
Wieder stand er auf, diesmal aber nicht, um noch einmal um den Schreibtisch zu gehen, sondern er ging zum Wohnzimmer und klopfte leise an die geöffnete Tür. Malina hob den Kopf und blickte über das Buch hinweg zu ihm: »Ich habe dich früher erwartet«, sagte sie lächelnd.
»So?«
»Ja.«
»Gut.«
»Und?«
Er zuckte mit den Schultern. »Es ist vielleicht das Schlimmste, was ich bislang gesehen habe.«
»So siehst du auch aus«, sagte sie leise und legte das Buch auf den kleinen Tisch neben dem Sessel.«
»Ich weiß nicht, ob ich dir davon erzählen sollte...«
Sie hob die Hand und schüttelte den Kopf. »Wenn es für dich schon zu viel ist, dann will ich das nicht wissen.«
»Ja, das dachte ich mir auch so. Das Schlimme an der Sache ist nur, dass der Typ unangreifbar ist. Ich bin mir sicher, dass er mit dem ersten Mord ein perfektes Verbrechen hingelegt hat.« Er setzte sich ihr gegenüber auf die große Couch und beugte sich vorn über.
»Ich dachte, so etwas gibt es nicht?«
»Ja, das dachte ich auch. Aber der Typ ist gut.«
»Und wenn es eine Frau ist?«
Frank lächelte. »Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, aber die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass eine Frau so böse Dinge tut. Die Statistiken...«
»Auch die Statistiken können sich mal irren.«
»Ja, können sie. Ich halte die Möglichkeit mal offen, dass es eine Frau ist. Trotzdem finde ich keinen Zugang.«
»Inwiefern?«
»Es muss irgendeinen Hintergrund geben, es muss irgendein Ziel geben. Und im schlimmsten Fall bin ich das Ziel.«
»Bitte?« Malina klang skeptisch und entsetzt zugleich.
»Es gibt zwei Nachrichten, die an mich adressiert sind, beide vom Täter.«
Sie legte den Kopf schräg. »Vielleicht doch eine Frau, irgendeine Ex, die dir das Leben...«
»Sehr witzig. Ich würde gern wissen, was dahinter steckt, was in seinem Kopf vor sich geht. Es muss eine Art Spiel für ihn sein.«
»Frag doch Freud.«
»Der ist tot. Und außerdem war das ein Perverser«, sagte Frank grinsend, »der hat alles mit Sex erklärt.«
»Und? Hat es was mit Sex zu tun?«
Frank schüttelte den Kopf. »Nein, kann ich mir nicht vorstellen. Nach der Obduktion wissen wir mehr, aber ich denke, dass es in erster Linie darum geht, ein Zeichen zu setzen. Er will zeigen, dass er überlegen ist, sonst würde er sich nicht direkt bei mir melden.«
»Klingt nicht wirklich so, als ob sich das schnell lösen ließe.«
»Nein. Und ich fürchte, er wird wieder zuschlagen. Irgendwo. Irgendwie. Und grausam.«
»Machst du dir keine Gedanken um uns?«
Frank schüttelte wieder den Kopf. »Nein, das gehört nicht dazu, es geht nicht um Bedrohung, sondern darum, ein Spiel zu gewinnen und Macht zu demonstrieren.«
»Verstehe. Und wenn du dir sicher bist, dann bin ich beruhigt.«
Er stand auf, hockte sich vor sie und nahm ihre Hände in seine: »Wenn es irgendeine Gefahr gäbe, dann würde ich euch irgendwo hinbringen, wo ihr sicher seid.«
»Was nicht bei deiner Mutter wäre...«
Frank lachte und wäre dabei fast nach hinten gekippt. Auch Malina begann zu lachen und hielt seine Hände fest. »Was?«
Es dauerte noch lange, bis Frank eingeschlafen war. Malinas Atmung neben ihn beruhigt ihn, hinderte ihn aber gleichzeitig daran, dass er Ruhe fand. Die Bilder des Tags kreisten in seinem Kopf und er hoffte darauf, dass sich am folgenden Tag ein paar Erklärungen finden würden und sich Vermutungen in Fakten wandelten. Er ahnte nicht, dass der folgende Tag weit mehr Fragen aufwerfen würde, als er es sich vorstellen konnte.