IV - Wenn es dunkel wird
Malina nickte nur. Es gab Tage, da wusste sie, dass es sich weder lohnte noch einen Sinn ergab, zu diskutieren. Und sie hatte Konrad schon lange nicht mehr so nachdenklich erlebt, am Gespräch im Garten hatte er kaum teilgenommen, sondern meistens nur still da gesessen und hin und wieder gelächelt. Und sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass dieses Lächeln nur aufgesetzt war. »Erzählst du mir nachher davon?«
Frank zuckte mit den Schultern. »Ich setze mich erst mal ins Arbeitszimmer und denke nach«, sagte er ruhig, »vielleicht reden wir, wenn die Kinder schlafen.«
Wieder nickte sie, drehte sich um und rief: »Wer bei drei nicht auf dem Baum ist, der wird verhaftet!«
Er hörte Stine kreischen und Jakob ein lautes »Nein« schreien. Frank lächelte unwillkürlich und schüttelte den Kopf. Das Leben konnte friedlich und einfach sein und seine Kinder wussten noch nichts von dem, was da draußen in der Welt so grausam sein konnte, dass jeder Mensch mit einem gesunden Weltbild einfach die Augen schließen musste. Die Bilder blieben aber dennoch da. Und der Anblick von der Frau in dem Wagen, die mit weit aufgerissenen Augen ins Nichts starrte, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Spätestens jetzt konnte er Krüger verstehen, der am Vormittag noch so gestammelt hatte und so gar nicht mit der Situation zurecht kam. Bei Frank war das anders. In der Situation selbst konnte er das Ganze nüchtern, sachlich sehen, erst später kamen die Gedanken dazu, erst später wachten in ihm dann auch Gefühle auf, die ihn beschäftigten.
Er setzte sich an den Schreibtisch und schrieb alles auf, was er von dem Tatort im Kopf behalten hatte, jede Kleinigkeit. Er ordnete das Ganze auf zwei Zettel: Fakten und Vermutungen. Dazu kamen dann noch die Dinge aus der Wohnung des Opfers. Vieles würde über die Sache mit dem Sekundenkleber laufen können, wenn es da irgendeinen Anhaltspunkt gab. Aber so recht daran glauben wollte Frank nicht, dass es irgendwo einen Hinweis geben würde, dass der Täter nachlässig gehandelt hatte und so eine Spur hinterließ. Es war ein Spiel, sonst hätte sich der Täter sich nicht die Zeit genommen, ihm einen Zettel an den Wagen zu kleben. Es war ein Spiel und es ging darum, wer die Kontrolle hatte.
Malina klopfte leise an die halb geöffnete Tür: »Du sollst noch einmal zum Gute Nacht Sagen kommen.«
»Sofort?«
»Ich habe schon gelesen, du sitzt seit einer Stunde hier.«
»Verdammt.«
Sie lächelte. »Du ordnest Gedanken?«
Er nickte.
»Manchmal denke ich, dass du der Einzige bist, der das alles lösen kann, weil du dir mehr Gedanken machst, als der Rest.«
»Du kennst den Rest doch gar nicht.«
»Nicht alle, ja, aber ein paar von deinen Kollegen kenne ich schon. Die sind nicht so in die Arbeit vertieft.«
»Für mich ist das ja keine Arbeit...«
Sie nickte: »Ich weiß. Für mich bist du auch immer noch auf einer Mission, so wie ein Krieger im Mittelalter. Ein Kämpfer gegen das Unrecht in der Welt, der oft auf verlorenem Posten steht, aber eben auch niemals aufgibt. Ein Feuerritter...«
»Wie kommst du denn jetzt auf so etwas?«
Malina lächelte: »Ich finde das romantisch, wenn ich mir dich mit einem Pferd und einer roten Rüstung vorstelle, immer auf der Suche nach Unrecht und dem Drang nach Gerechtigkeit.«
Jetzt lächelte auch er: »Klingt schön, hat nur mit der Realität nichts zu tun.«
»Stimmt, die Realität sagt, dass du jetzt zu Stine und Jakob gehst.«
Wortlos stand Frank auf, ging an Malina vorbei und küsste sie auf die Wange. »Danke«, sagte er und ging weiter in Richtung Kinderzimmer.
»Wofür?«
Als Antwort hob er nur die Hand und ging weiter.
Getuschel aus dem Kinderzimmer. Einen Moment blieb er vor der Tür stehen und räusperte sich. Es wurde still. Mit einem Ruck riss er die Tür auf und sprang ins Zimmer. »Ha!« Jakob schrie nun ebenfalls »Ha!«, während Stine einen spitzen, nicht enden wollenden Schrei ausstieß. »Was ist denn das für ein Lärm«, rief Frank.
»Wir dürfen das«, schrie Jakob.
»Genau«, kreischte Stine.
»Ja, ihr dürft das. Aber nur noch genau fünf Sekunden. Dann ist hier Ruhe.«
Und während Jakob und Stine um die Wette schrien, stieß sich Frank am Wort »Sekunden«, weil ihm fast der »Kleber« noch hintergerutscht war. Für einen Moment erschrak er, doch die Schreie der Kinder holten ihn in die Wirklichkeit zurück. »Noch drei, noch zwei, noch eine – und Schluss!«
Schlagartig wurde es ruhig im Kinderzimmer.
»Du schreist gar nicht mehr mit«, beklagte sich Stine.
»Ich bin kein Kind mehr, ich darf das nicht«, zwinkerte er ihr zu.
»Du darfst nie wieder schreien?«, fragte Jakob.
»Ich schreie, wenn ihr schlaft. Dann wecke ich euch auf und wir machen eine riesige Party.«
»Ehrlich?«, fragten beide fast gleichzeitig.
»Ehrlich. Aber bis jetzt habt ihr immer tief geschlafen und seid nicht wach geworden.«
»Vielleicht bist du zu leise?«
»Ich hole mir immer Verstärkung.«
»Verstärkung?«
»Ja, ich habe ein paar Jubelstuten, die mit mir um die Wette schreien und alle aufwecken, die nachts nicht schlafen.«
»Du erzählst Geschichten«, sagte Stine ernst, »so etwas gibt es nicht.«
Frank lächelte: »Ja, da hast du recht.« Er zog die Bettdecken der beiden zurecht, küsste erst Stine, dann Jakob auf die Stirn. »Aber jetzt wird geschlafen. Und wer mich morgen als Erstes weckt, der bekommt einen Preis.«
»Was für einen Preis?«
»Ich denke mir etwas aus. Und je schneller ihr einschlaft, desto länger kann ich darüber nachdenken.«
»Ich will eine Jubelstute für den Kindergarten«, sagte Jakob, »auf der dürfen dann alle mal reiten.«
Frank lachte. »Ja, irgendetwas Ähnliches. Aber jetzt ist Ruhe. Schlaft gut.«
»Du auch«, murmelte Stine.
»Lass die Tür auf«, bettelte Jakob und Frank nickte: »Aber nur einen kleinen Spalt.«