III - Heim und Frieden
Auf der Fahrt nach Hause hatte Frank Mühe, sich auf den Verkehr zu konzentrieren. Immer wieder drangen Bilder von der ermordeten Frau in seinen Kopf. Immer wieder zwang er sich, an etwas anderes zu denken, aber es gelang ihm immer nur für einen kurzen Zeitraum. Es war mittlerweile kurz vor fünf, für einen Sonntagnachmittag war der Verkehr ungewöhnlich dicht. Irgendeine Veranstaltung. Er suchte am Straßenrand nach Plakaten, fand schnell ein Konzert von Peter Fox in der Bahrenfelder Trabrennbahn. Wie würden dorthin pilgern? 20.000? 30.000? Dieser Herdentrieb war ungeheuerlich, alles wurde immer größer und immer bunter und immer greller.
Die lange Einfahrt zum Familienhaus der Franks war mit Kies ausgeschüttet worden, so dass es immer knirschte, wenn ein Wagen kam. Er liebte das Geräusch, konnte nicht erklären warum, aber allein dieses Knirschen war für ihn ein Stück Zuhause. Und genoss er es auch heute, langsam den die fünfzig Meter von der Straße bis zum Carport zu rollen und zuzuhören, wie sich die Steine aneinander rieben.
Stimmen drangen aus dem Garten, vermutlich waren die Nachbarn zu Besuch. Der Geruch vom Grillkohle und verbranntem Fleisch lag in der Luft. Er steuerte also direkt auf die kleine Pforte zu, lugte um die Ecke und sah drei Erwachsene am kleinen, weißen Tisch sitzen, vier Kinder spielten auf dem Rasen, tobten mit dem Ball herum, ohne dass es dafür irgendeine erkennbare Form von Regeln gegeben hätte.
Stine und Jakob liefen auf ihn zu, als sie ihn bemerkten: »War es was Schlimmes?«, fragten sie ihn fast unisono. Er schüttelte den Kopf: »Nein, nur ein Parksünder«, sagte er und zwinkerte. Währenddessen winkten Finn und Rasmus, die Kinder der Thoelkes, ihm zu, konzentrierten sich dann aber wieder auf den Ball. »Lasst sie nicht gewinnen«, sagte er beschwörend zu Stine und Jakob und während sich der Fünfjährige sofort umdrehte und auf den Ball zulief, schüttelte die ein Jahr ältere Stine nur den Kopf: »Es geht doch gar nicht ums Gewinnen.«
Er nickte: »Ja, ich weiß, aber es ist ein guter Anreiz, um etwas zu spielen.«
»Ballspiele sind blöd.«
»Dann spielst du was anderes.«
»Ich weiß aber nicht, was.«
Fank wiegte mit dem Kopf. »Nicht so einfach. Aber ich gehe jetzt erst mal und begrüße deine Mutter und meine Frau.« Stine blieb patzig stehen und sah ihm hinterher. Er wartete darauf, dass sie noch etwas sagen würde, ging bewusst langsam, aber sie schwieg. Also drehte er sich um: »Komm mit, setz' dich zu den Großen.« Stine strahlte und lief auf ihren Vater zu. »Trägst du mich?«
»Nein.«
»Gut. Ich wollte nur noch mal fragen.«
Malina stand auf und ging ihm die zwei Schritte entgegen, umarmte ihn und flüsterte ihm zu: »Du siehst furchtbar aus.«
Er küsste sie auf die Wange und murmelte: »Normalerweise würde ich sagen: du auch. Aber diesmal bin ich unübertroffen weit vorn.«
»So schlimm?«
Er löste die Umarmung und nickte ihr zu. Dann lächelte er schlagartig und begrüßte die Thoelkes per Handschlag.
»Konrad, mein Lieblingsnachbar, du hast heute noch gearbeitet?«, fragte Werner.
Er nickte. »War aber nichts Wichtiges.«
»Und dafür holen die dich dann raus?« Wiebke klang fast entsetzt.
Wieder nickt er: »Das weißt du eben nicht immer vorher. Aber lasst uns von was anderem reden als von meiner Arbeit.«
»Schade, deine Arbeit ist bestimmt spannender als meine.«
»Kommt auf den Standpunkt an. Ich würde gern was mit Kindern machen.«
Das Gespräch bewegte sich rasch in oberflächlichen Regionen, Sätze, die überall auf der Welt ausgetauscht wurden und ebenso austauschbar waren, wie die Menschen, die sie sprachen. Und so sehr sich Frank auch bemühte, die Gedanken nicht um den Fall kreisen zu lassen, sie kehrten immer wieder dorthin zurück. Er war erleichtert, als die Thoelkes den kurzen Heimweg nach Hause antraten. »Ab durch die Hecke«, brachte Werner noch einmal den Kalauer, danach wurde es ruhig.
»Bringst du die Kinder ins Bett?«, fragte Frank. »Ich kann das heute nicht.«