II - Gedanken und Ideen
Frank sah sich um. An einem Sonntagvormittag gab es nicht viele Menschen, die auf den Straßen unterwegs waren. Manchmal hatte er das Gefühl, dass sich niemand mehr zu Fuß bewegte, weil die Menschen es irgendwie schaffte, aus ihrer Wohnung direkt in ihren Wagen zu gelangen. Der Verkehr wurde immer dichter, die morgendlichen Staus zur Gewohnheit, die Menschen immer unzufriedener. Für Kommissar Frank war es kein Wunder, dass da irgendwann immer mal wieder irgendjemand komplett durchdrehte.
Außer einem älteren Paar, das langsam, fast sich fast wie in Zeitlupe in den Gehweg fraß, konnte er keinen anderen Menschen sehen. Schnell fuhr er sich um, bemerkte aber nichts Verdächtiges. Aber er war sich sicher, dass er beobachtet wurde. Er hielt den Zettel in die Luft und blickte mit erhobenem Kopf in die Fenster der ihn umgebenden Hochhäuser: »Ich weiß, dass du mir zusiehst«, sagte er leise. Dann öffnete er den Wagen, fingerte aus dem Handschuhfach einen Plastikbeutel und steckte den Zettel hinein. Fast war er sich sicher, dass die Spurensicherung nichts finden würde. Die Möglichkeiten hatten sich auf ein unglaubliches Maß erweitert, mit wirklich winzigen Spuren konnte man so vieles über die Menschen erfahren. Aber wenn Profis oder Fanatiker am Werk waren, dann wurde es oft schwierig, dann war die Suche nach Hinweisen oft vergeblich und diese Fälle blieben als Karteileichen irgendwo liegen, in der Hoffnung, dass sich das irgendwann doch noch lösen ließ.
Frank startete seinen BMW, überlegte, ob es noch einmal nach Hause fahren sollte, entschied sich dann aber für die Fahrt zur Dienststelle. Den Zettel für das Labor fertig machen. Krügers Bericht lesen. Noch einmal alles aufschreiben, alles festhalten. Bevor er nach Hause fuhr, wollte er den Kopf geleert wissen oder zumindest so weit sein, für heute mit dem Fall abzuschließen. Aber es war klar, dass das nicht funktionieren würde. Andere Beamte ließen den Dienst hinter sich und konnten tatsächlich abschalten und was für viele da ganz normal war, war für Frank nicht selbstverständlich. Genau genommen hatte er es noch nie geschafft, wirklich alles hinter sich zu lassen. Der neue Fall würde keine Ausnahme sein. Er schüttelte sich bei dem Gedanken an die Frau in dem Wagen, an ihr Gesicht. »Vermutlich zufällig ausgewählt«, sagte er leise, »ich bin mir fast sicher, dass es keine direkte Verbindung zwischen dem Täter und dem Opfer gibt.« Und je länger Frank darüber nachdachte, desto widerwärtiger wurde die Geschichte in seinem Kopf. Die Sorgfalt, mit der der Täter arbeitete, war schon beängstigend. Dass auch er ein Teil des Planes war, störte ihn zu diesem Zeitpunkt nicht. Jeder brauchte einen Gegenspieler, den er besiegen wollte. Es ging dem Täter nicht darum, ihn zu töten, es ging um geistige Überlegenheit. Für ihn war das ein Spiel, für Frank war es die Berufung, so einen Menschen zu stoppen.
Fast eine Stunde lang saß er in seinem Büro und starrte vor sich hin. Und was von außen meditativ wirkte, war im Inneren ein rasendes Durcheinander, ein Ausprobieren von Möglichkeiten. Wie beim Schach, wo man die Züge kalkulierte und überlegte, was als nächste kommen würde. Aber an diesem Punkt lief Frank gegen Mauern, die Zukunft vorherzusagen, war schlichtweg unmöglich. So lange die Presse still hielt, hatte er Zeit und vielleicht klappte es ja doch, vielleicht gab es irgendwo einen Hinweis, den die Spurensicherung auf dem Zettel fand, vielleicht gab es noch irgendetwas in der Wohnung, das sie weiterbrachte. Und immer wieder sah er das Gesicht der Frau, die aufgerissenen Augen und die Blutspuren an ihrem Mund.
Er sah auf seine Uhr: Wenn er jetzt nach Hause fuhr, dann konnte er noch ein, zwei Stunden mit den Kindern im Garten spielen. Das würde die Gedanken vertreiben, das würde dafür sorgen, etwas Abstand zu gewinnen und morgen dann mit frischen Ideen vielleicht einen neuen Weg zu finden. Außerdem lägen dann die ersten Ergebnisse vor, vielleicht waren tatsächlich irgendwo große Mengen Sekundenkleber verkauft worden und dann gäbe es zumindest einen Spur.