I - Am Anfang ist der Stoff
»Was ist hier los?« Hauptkommissar Frank war klar, dass dieses hier keine Routinearbeit werden würde, zu aufgeregt hatte die Stimme seines Assistenten am Telefon geklungen. »Sie müssen es sich selbst ansehen«, hatte er ins Handy gekeucht, »es ist furchtbar.« Furchtbar. Konrad Frank konnte sich nicht viel vorstellen, dass er für furchtbar hielt. Die Arbeit bei der Mordkommission hatte ihn abgestumpft: Er hatte in der langen Jahren seiner Dienstzeit so vieles gesehen, Kinder, Frauen, alte Menschen, die brutal ermordet worden waren, ohne jede Skrupel. Sein Assistent, Kommissar Holger Krüger, war noch nicht so lange dabei und dementsprechend unruhig war dieser bei ungewöhnlichen Fällen. Frank konnte es ihm auch nicht verdenken, wesentlich anders war es ihm früher auch nicht gegangen, jeder war mal ein Frischling in diesem Job.
Krüger empfing seinen Vorgesetzten mit ernster Miene: »Sehen Sie es sich an, ich kann es nicht beschreiben.«
»Verdammt Krüger, reißen Sie sich mal zusammen! Was ist denn mit Ihnen los?«
Krüger räusperte sich leise: »Wenn man Sie einfach nur umgebracht hätte, wäre es auch nichts besonderes, wenn Sie einfach nur tot im Wagen liegen, äh, sitzen würde, dann wäre es eben Mord, aber...«
Frank verdrehte die Augen: Er kannte diese ausschweifenden, stammelnden Ausführungen nur zu gut und heute nervten sie ihn. Es war Wochenende, es war eigentlich die Zeit, um mit seiner Frau einen Spaziergang im Wald zu machen und bei dem Gedanken musste er lächeln: Vielleicht hätte er dann ja die Leiche gefunden.
»So Krüger, nun mal langsam«, zwang sich er sich zu Ruhe: »Ich will jetzt die Fakten hören, den Tatort sehe ich mir danach an.«
Krüger nickte. »Also, die Tote heißt Angela Thorsen, ledig, Deutsche, ist 38 Jahre alt. Verwandte haben wir noch keine gefunden, nicht einmal Eltern. Sie ist schon länger tot, ungefähr seit zwei Tagen.«
»Also Freitag«, warf Frank ein.
»Ja, so nehmen wir an, aber das muss eine längere Sache gewesen sein. Aber das sehen Sie ja gleich.«
Der Hauptkommissar wurde unruhig: »Weiter, weiter!«
»Der Wagen ist auf ihren Namen zugelassen, wir haben außer ihren eigenen keine Fingerabdrücke gefunden. Die Spurensicherung sucht noch nach Haaren oder irgendetwas unter ihren Fingernägeln, aber der Wagen ist so was von sauber, da hätte meine Mutter ihre helle Freude dran.«
»Toll, klingt wirklich super«, murmelte Frank leise, »Ich will das jetzt sehen.«
Krüger führte ihn zu dem silbernen Golf, der hundert Meter weiter auf einem Waldweg stand. »Vermutlich ist sie selbst dorthin gefahren«, sagte er, »aber genau können wir das noch nicht sagen.«
»Irgendwelche Fußspuren?«, fragte Frank, doch Krüger schüttelte den Kopf. »Nichts, es ist wirklich seltsam.«
»Todesursache?«
»Eine Mischung aus... ach, verflucht, sehen Sie sehen es gleich...«
Frank beobachtete seinen Assistenten aus den Augenwinkeln: Er schien wirklich nervös zu sein. Und auch bei Hauptkommissar Konrad Frank setzte für ein paar Momente der Atem aus, als er das Szenario betrachtete.
»Scheiße!«, entfuhr es ihm, »was ist das denn?«
Krüger hielt sich die Hand vor den Mund, um die Übelkeit zu unterdrücken: »Ich hab' mir das jetzt schon zweimal angesehen, aber mir wird immer noch schlecht.«
Auf den ersten Blick sah es harmlos aus, sah es so aus, als ob eine Frau am Steuer ihres Wagens säße, aber wenn man genauer hinsah, dann gab es einige widerwärtige Details: Die Augen der Frau waren weit aufgerissen, das Gesicht war vor Schmerz verzerrt, so als ob sie etwas Grauenvolles gesehen hätte. Ihre Hände waren am Lenkrad, aber bei genauerem Hinsehen entdeckte Frank Blut an der Unterseite des Handgelenks, das in kleinen Tropfen auch auf der Hose zu finden war. »Sie haben ihre Hände mit Sekundenkleber am Lenkrad befestigt«, erklärte Krüger mit gepresster Stimme, »Irgendwann hat sie versucht, sie zu lösen – vermutlich ruckartig.«
Kommissar Frank schluckte: »Sie glauben, es waren mehrere?«
»Vermutlich. Die Frau konnte sich gar nicht mehr bewegen«, fuhr sein Assistent fort, »denn ihre Füße waren auf Bremse und Kupplung geklebt, der Gurt war so fest arretiert, dass sie auch den Oberkörper nicht rühren konnte. Sie haben ihr sogar den Mund mit dem Zeug verklebt, schreien war unmöglich: Einer allein hätte das kaum schaffen können.«
»Vermutlich nicht«, murmelte Frank und sah sich um. »Das gibt es nicht«, sagte er, »sehen Sie sich die Windschutzscheibe an.«
Krüger nickte: »Ja, ich weiß, es ist abscheulich.« Das Wischerblatt fehlte und der Scheibenwischer musste über einen langen Zeitraum mit seinem metallenem Arm rhythmisch auf dem Glas herumgekratzt haben, so lange, dass nun eine Furche zu sehen war, so lange, bis die Batterie nicht mehr mitspielte. »Das Benzin ist alle, also lief der Motor die ganze Zeit. Das schabende Geräusch des Scheibenwischers und die Schmerzen an Händen und Füßen müssen sie wahnsinnig gemacht haben. Von der Geschichte am Mund ganz zu schweigen«, würgte Krüger hervor – die Geschichte zehrte sichtlich an seinen Nerven.
Hauptkommissar Frank schwieg. Er konnte das Entsetzen Krügers verstehen, denn diese Folter war grausam, war unmenschlich, war definitiv das Schlimmste, das ihm in seiner fast zwanzigjährigen Dienstzeit unterkommen war. Bewusst hatte man diese Frau auf eine langsame, quälende Art getötet und die Wahrscheinlichkeit, dass jemand den Wagen frühzeitig entdeckte, war gering, denn das Waldstück lag abseits von den üblichen Wanderwegen und der Förster, der die Leiche heute morgen gefunden hatte, war auch eher zufällig an diesem Ort gewesen. Er wusste auch, dass die Täter nicht immer gefasst wurden, auch wenn man es der Öffentlichkeit Glauben machte. Die Dunkelziffer war viel höher, als es sich die Menschen vorstellen konnten. Die Sicherheit, in der die Menschen lebten, war zerbrechlich.
»Verflucht! Gibt es denn keine Anhaltspunkte? Wo hat die Frau gearbeitet, hatte sie eine Beziehung, was machte sie in ihrer Freizeit, Scheiße, ich will, dass Ihr alles über sie herausfindet, was es gibt. Jede Kontobewegung, jeden Brief, ich will in ihre Wohnung, ich will alles wissen, klar?«
»Wir sind ja schon dabei, Chef«, murmelte Krüger, »Wir sind ja dabei.«
Am folgenden Tag, am Montagmorgen stand Frank gemeinsam mit drei Beamten und Kommissar Krüger vor der Wohnungstür von Angela Thorsen, während der Hausmeister mit einem Schlüsselbund bewaffnet am Schloss herumfingerte. »Ich kriege keine Schlüssel rein«, sagte er schließlich genervt, »da ist Kleber im Schloss. Oder irgendetwas anderes.« Krüger und Frank sahen sich an. »Aufbrechen!«, befahl Frank den wartenden Beamten, die daraufhin die Wohnungstür gewaltsam öffneten. Es war ein seltsamer, scharfer Geruch, der Frank in die Nase stieg und Unbehagen machte sich in seinen Gedanken breit. »Riechen Sie das, Krüger?«
»Klar, das ist so was von deutlich: Sekundenkleber.«
Frank nickte: »Sie warten hier«, sagte er zu den drei Beamten, »Krüger, Sie kommen mit.«
Die beiden betraten die Wohnung, die sauber und ordentlich wirkte: »Die muss 'n Putzfimmel gehabt haben«, murmelte Krüger vor sich hin, »Das ist hier so was von ordentlich: Hätte sie bei mir auch mal...«
»Ziehen Sie sich die Gummihandschuhe an, ich will hier keine Spuren verwischen«, unterbrach ihn Frank.
»Wo sollen denn hier Spuren sein?«, fragte Krüger patzig.
Als Antwort drückte der Hauptkommissar mit den Fingern gegen eine Blumenvase, die sich jedoch keinen Zentimeter bewegte. Holger Krüger starrte ihn an. »Meine liegen im Auto«, stammelte er schließlich.
»Na los, worauf warten Sie? Holen Sie sie!« Konrad Frank schüttelte den Kopf: Alles war angeklebt, alles, jeder Gegenstand, der beweglich gewesen war, war nun unverrückbar. Die Küchenschubladen ließen sich öffnen, doch das Besteck war fest zusammengeklebt und ließ sich nicht herausnehmen. »Ich will wissen, wo und wann größere Mengen Sekundenkleber gekauft worden sind«, rief Frank seinem Assistenten zu, als dieser wieder in die Wohnung kam. »Das müssen gigantische Mengen gewesen sein«, fügte er hinzu, »und vielleicht kann sich ja der Verkäufer ja an jemanden erinnern. Mensch, irgendetwas muss doch gehen! Das Ganze ist zu absurd! Fahren Sie zu Ihrer Arbeitsstelle – Mist, wo hat die überhaupt gearbeitet, Krüger, das ist Ihr Job, legen Sie 'n Zahn zu. Und informieren Sie die Spurensicherung, verflucht.«
Eine halbe Stunde später begann Frank mit zwei Beamten von der Spurensicherung die Wohnung zu durchsuchen und machte einige überraschende Entdeckungen: Der Kleiderschrank der Toten war vollständig leer geräumt, überhaupt befand sich kein Fetzen Stoff mehr in der Wohnung und Frank vermutete, dass es daran lag, dass Textilien nicht zu kleben waren – eine andere Erklärung konnte er sich nicht vorstellen. Seltsam auch die Tastatur des Rechners: Nur einige Buchstaben waren fixiert, während andere frei waren. Ein Hinweis. Die freien Buchstaben mussten sich irgendwie kombinieren lassen. Er schaltete den Rechner ein, doch er konnte kein Programm starten, da auch die Maus fest verklebt war – vielleicht gab es ja noch irgendeinen Hinweis auf dieser Kiste, irgend etwas, dass weiterhelfen konnte. »Besorgen Sie mir eine Maus für diesen Computer«, befahl schließlich einem der Beamten, die noch vor der Tür warteten und dafür sorgten, dass kein Neugieriger, keiner dieser Pressefritzen in die Wohnung gelangte. Frank fragte sich immer wieder, woher sie von solchen Aktionen wussten, doch bislang hatte er hier seine Ruhe. Aber das konnte sich schlagartig ändern.
Es waren die Buchstaben c e g h i k r t, die auf der Tastatur zu bewegen waren. Es musste Dutzende Möglichkeiten geben, sie mit einander zu kombinieren, vermutlich waren einige doppelt verwendet worden, aber es war ganz sicher eine Spur. Und Frank wurde bestätigt, als er schließlich mit einer neuen Maus am Rechner arbeiten konnte: »Hauptkommissar Frank« lautete der Dateiname des zuletzt benutzten Dokumentes – kein Zufall, alles war geplant. Als er die Datei öffnete, fand er eine leere Seite vor. »Scheiße!«, zischte er und einer der Männer von der Spurensicherung sah ihm über die Schulter: »Was?«
»Sehen Sie sich den Namen an.«
»Oh.«
Frank schüttelte den Kopf, was für Idiot musste das sein, wie geisteskrank war dieser Kerl. Oder diese Kerle. Wer konnte schon wissen, wie viele es waren. »Lassen Sie sich die Datei-Informationen anzeigen«, sagte der Mann hinter ihm, »das zeigt zumindest, wann zuletzt gespeichert wurde.«
Frank nickte stumm. »Im Menü Datei«, erklärte der andere.
»Gestern.«
»Ja, aber gehen Sie mal auf Statistik.«
Frank klickte auf den Ordner: »Wie geht das? 37 Worte? Wo sollen die denn sein?«
»Der Typ ist ein ganz Schlauer. Drücken Sie Strg und A.«
»Verdammter Mist, was ist das?«, fragte Frank, als auf dem Bildschirm plötzlich ein schwarzer Block zu sehen war.
»Er hat die Schriftfarbe Weiß gewählt, so können Sie den Text nicht sehen. Warten Sie, darf ich?«
»Nur zu...«
Mit ein paar kurzen Handgriffen änderte der Mann die Farbe der Buchstaben.
»Konrad Frank, geboren am 16. Mai 1957, Hauptkommissar
Genau, Herr Frank, Sie sind gemeint! Es gibt für alles eine Lösung, aber ob Sie diese finden werden, ist fraglich. Wir werden viel Spaß miteinander haben, das ist sicher.«
Wortlos stand Frank auf und verließ die Wohnung. Solche Spielchen gab es nur im Film. So etwas konnte er jetzt nicht brauchen, nein, so etwas konnte er überhaupt nicht gebrauchen. Da spielte jemand mit ihm, dem vermutlich die Opfer egal waren, der sie nur benutzte. Mit gesenktem Kopf verließ er das Haus und stapfte auf seinen Wagen zu. Hinter dem Scheibenwischer steckte ein kleiner Zettel, den er zunächst für ein Strafmandat hielt, doch als er versuchte, ihn herauszuziehen, riss dieser in zwei Hälften. Der Teil an der Scheibe war mir Sekundenkleber befestigt worden und auf dem Fetzen, den er in der Hand hielt, war zu lesen: »Ich verfolge jeden Deiner Schritte.«