Das Tagebuch - eine Odyssee durch bipolare Störungen
Wollen wir uns treffen?
»Wir können uns ja morgen treffen«, sagt sie und ich kann dem hoffnungsvollen Blick nicht ausweichen, er überrollt mich wie ein Flutwelle, breit angelegt. Ich frage mich, ob in mir ein Atomkraftwerk steckt, das dann betroffen wäre und wenn es nicht der Fall ist, ob der Gedanke dann beschämend ist. Ich bezweifle allerdings, dass Japan mir finanzielle Unterstützung zukommen ließe, bei den Flutkatastrophen entlang der Elbe haben sich die Diener des Kaiserreiches auch nicht sonderlich großzügig gezeigt. Doch zurück zum hoffnungsvollen Blick und ihr, die ihn sendet, weil sie doch so gern in meiner Nähe ist. Wie sie immer wieder betont. Ich bin auch gern in meiner Nähe, aber das muss so sein, das lässt sich nicht umgehen, ich habe die Pflicht, mit mir auszukommen. Aber ich mag mich auch an den meisten Tagen.
Hamburg im Jahr 2030
Wir schreiben das Jahr 2012 und tatsächlich habe ich nur noch rund fünf Wochen zu leben. Sagen die Ärzte im Universitätsklinikum Eppendorf. Ein Funken Hoffnung bestünde aber doch noch, wenn ich bereit wäre, mich in Carbon schockgefrieren zu lassen, um darauf zu vertrauen, dass in der Zukunft irgendwann mal ein Heilmittel gegen meine Krankheit gefunden wird. Man weiß ja nie, was so passiert, das Leben ist so berechenbar wie ein Pornofilm – die haben auch keine Handlung. Ein paar Minuten später liege ich auf einer Bahre und werde in eine Röhre geschoben. So müssen sich Enten fühlen, wenn es in den Backofen geht, denke ich mir. Leise dringen ein paar Fetzen des Straßenverkehrs in mein Ohr, dann wird es Nacht. Ich träume von Rosamunde Pilcher und frage sie permanent, warum in der Ecke Stroh liegt. Aber sie begreift nicht.
Als ich 18 Jahre später erwache, ist es angenehm ruhig. Ein junger Mann steht neben mir und lächelt. Er sagt, dass es mir gut ginge und dass ich wieder gesund sei. Die Narben auf der Bauchdecke würde sie noch entfernen, aber das habe Zeit. Ich betrachte ihn und seinen weißen Kittel, auf dem ein riesiges Logo zu sehen ist, das mir irgendwie bekannt vorkommt. »Wo bin ich?«, frage ich und sehe mich in dem weißen Zimmer um, in dem es nur weiße Gegenstände gibt. Ich schließe meine Augen für einen Moment.
»Sie sind im AUKE, dort wo sie auch vor 18 Jahren in Carbon gegossen wurden.«
Ich nicke. So weit, so gut: Ich bin gesund und in Hamburg, es könnte schlimmer sein. Dann sagt der junge Mann, dass die Presse gleich mit mir reden wolle, weil ich der erste Mensch sei, der die Sache mit dem Einfrieren ausprobiert und überlebt habe. Er fragt, ob ich mich dafür schon bereit fühle.
Ich frage, ob ich nicht erst einmal in Ruhe aufwachen könne, das würde mir am besten in der U1 gelingen. Da würden mich die hässlichen Fratzen von Rentnern und Arbeitsdrohnen irgendwie am schnellsten ins Leben zurückholen.
Der junge Mann sieht mich irritiert an.
Ich imitiere den Blick und sehe zurück, dabei läuft mir etwas Spucke aus dem Mundwinkel.
Der junge Mann sieht mich immer noch irritiert an. »Was ist die U1?«
Jetzt gucke ich wirklich irritiert und frage nach, was denn mit dem HVV ist.
Er grinst und gibt zu, dass er sich damit nicht sonderlich gut auskenne, aber nach dem Abstieg in die Regionalliga wäre da nicht mehr viel los, zumal St. Pauli jetzt zum dritten Mal in Folge Deutscher Meister geworden sei. Aber mehr wisse er wirklich nicht.
Ich atme etwas schneller. »Nein«, sage ich, »HVV. Hamburger Verkehrsverbund. Das System für den öffentlichen Personennahverkehr! ÖPNV? Gibt es das nicht mehr?«
Er zuckt mit den Schultern und erklärt, dass seit der Privatisierung aller staatlichen Mittel nun die Dinge etwas anders laufen würden.
»Wie anders?«, frage ich.
Er bietet mir an, mich durch die Stadt zu führen. Ich sei vermutlich wirklich noch nicht bereit für die Presse. Ich willige ein, sehe an mir herab und entdecke, dass ich in einem weißen Overall stecke. Nicht unbedingt das, was ich toll finde, aber besser als nackt zu sein. Überhaupt scheint wirklich alles weiß zu sein.
Der junge Mann hakt sich bei mir ein und führt mich aus der Klinik nach draußen. Es bleibt angenehm ruhig und als wir uns auf die hellgraue Straße zu bewegen, frage ich ihn, warum kein Motorenlärm zu hören ist.
»Alternative Energien«, sagt er.
»Sonne und Wind?«, frage ich.
»Muskelkraft«, sagt er und lächelt.
Ich betrachte seine Beine und sage, dass ich sie als etwas schmächtig empfinde.
Er nickt und erklärt, dass er ja auch nicht in die Pedale treten würde, sondern die Chinesen.
Wir erreichen in diesem Moment die Martinistraße und es rollt ein weißer Mittelklassewagen mit verdunkelten Scheiben fast lautlos vorbei. »Und darin sitzen Chinesen?«, frage ich entsetzt und fürchte mich davor, mit meinen Sprachkenntnissen in der Hansestadt kläglich zu scheitern.
Der junge Mann schüttelt den Kopf. »Nein, darin sitzen Hamburger. Aber statt des Motors gibt es je nach Modell ein bis drei Chinesen, die in die Pedale treten.«
Ich frage, ob das bei allen Fahrzeugen so funktioniert und er nickt. »Allerdings kommen in den kleineren Modellen lediglich Thailänder zum Einsatz, die sind platzsparend und auch etwas sparsamer im Unterhalt.«
Ich frage, was die Chinesen denn verbrauchen würden.
»Chinesen verbrauchen Chinesen«, sagt der junge Mann salomonisch. Dann rollt ein großer, weißer Bus vor, wir steigen ein. Darin sitzen eine Handvoll Menschen, alle in Weiß gekleidet, mein Blick schweift nach draußen und auch dort ist alles im schlichten, schicken Weiß gehalten und ich habe plötzlich Appetit auf Blumenkohl. »Treten hier auch irgendwo Chinesen in die Pedale?«, frage ich leise.
Er nickt und deutet auf den hinteren Bereich. »Meistens reichen acht«, sagt er lächelnd. »Hier hat sich einiges verändert, nicht wahr?«
Ich nicke fassungslos und frage, ob es denn so gar keine Motoren mehr gäbe.
Er schüttelt den Kopf. »Alles wird von Chinesen angetrieben, selbst die Bahn wurde auf Muskelkraft umgestellt. Dabei sind in den ersten Monaten aber auch viele von ihnen gestorben, weil sie beim Ziehen von den Wagen überrollt wurden. Jetzt schieben sie die Waggons aus den Bahnhöfen, dass erspart unnötige Reinigungsarbeiten.«
»Also gibt es doch noch die U1!«
»Es gibt die vier A-Linien, die alle mithilfe der Chinesen betrieben werden. Aber ich weiß jetzt, was sie meinen.« Er schiebt mich an der Hudtwalckerstraße aus dem Bus und wir steigen die Stufen zur U-Bahn-Station nach oben.
»Das war früher …«, will ich gerade sagen, als drei weiße Waggons in den Bahnhof gleiten. Darauf ist als schwarzes Logo ein großer, angebissener Apfel zu sehen. In diesem Moment wird mir einiges klar. »Apple kontrolliert die Stadt?«, frage ich mit wachsender Erkenntnis.
Der junge Mann schüttelt den Kopf: »Nein, Apple unterstützt die Stadt: Kein Lärm, kein Verbrauch von wichtigen Ressourcen, keine Abgase – von den Biogasen der Chinesen mal abgesehen. Seitdem ist die Stadt lebenswerter geworden.«
Ich sehe ihn an und frage ihn, ob sein Mitgefühl auch von Apple korrumpiert sei.
Er zuckt mit den Schultern: »Die sind freiwillig hier, weil sie an der frischen Luft arbeiten können und so auch in Hamburg ein wenig rumkommen.«
»Aber die sehen doch gar nichts von der Stadt«, sage ich empört.
Er macht mich auf die kleinen, Handteller großen Fenster aufmerksam. »Die sehen eine ganze Menge mehr als in den Fertigungshallen in ihrer Heimat«, erklärt er lächelnd. »Damals, also zu ihrer Zeit, mussten in der chinesischen Produktionsstadt Shenzhen Netze zwischen den Häusern spannen, weil die Menschen wegen der schlechten Arbeitsbedingungen reihenweise von den Dächern gesprungen sind. Heute ist das anders, sie haben sie jetzt einen praktischen Nutzen, eine Aufgabe und ein beschränktes Arbeitsfeld.«
Dann schiebt er mich in den Waggon und wir nehmen auf drei Chinesen Platz, die wie viele andere eine Bank bilden. »Verdammt, sind die bequem«, denke ich noch, dann setzt sich der Zug in Bewegung, wir rollen in Richtung Norderstedt. Dort nämlich steht das einzige Elektrizitätswerk der Stadt, das natürlich auch mit Muskelkraft betrieben wird und das die öffentlichen Einrichtungen mit Strom versorgt. Schließlich sei auch ich nur noch am Leben, weil die Chinesen sich für mich aufgeopfert hätten, erklärt der junge Mann. Und wenn mich später das Hamburger Apple-Blatt zum Interview bäte, sollte ich doch auch ein wenig Dankbarkeit zeigen, weil das Leben in der Stadt eben immer noch zirkuliert.
Ich habe auf eine glückliche Wendung am Ende verzichtet, weil ich mir einfach nicht vorstellen kann, dass die Menschen in der Zukunft darauf verzichten, ihren Luxus auf Kosten anderer auszuleben.
Und, ja, irgendwann kommen sie und holen mich ab.
Wer tritt wen und wohin?
Es sei ja eine Unverschämtheit, so der junge Mann um die 40, dass gerade in so speziellen anatomischen Fällen, wobei es oft auch psychologische Ursachen gäbe, weil ja im Grunde genommen alles im Kopf seinen Ursprung habe, weswegen es in seinen Augen nun auch wirklich eine Unverschämtheit sei, dass überall getreten würde. Es sei ja offenkundig, dass Menschen nur zu gern ihre Stiefel zur Hand hätten, um dann alles kurz und klein zu treten. Zumal einige Herren – und hin und wieder auch Damen – das Wort »Springerstiefel« wohl auch vollkommen falsch interpretierten, zumal dieses Schuhwerk, wenn es denn überhaupt wirklich das Echte sei und nicht irgendeine modische Kopie, zumal diese Treter zum Springen und Aufprallen gedacht seien, nicht für irgendeinen Kampfsport.
Nachts
Dein Atem geht leise, ich kann sehen, wie sich dein Brustkorb hebt und senkt und ich kann dich hören. Im Halbdunkel des Zimmers wandern immer wieder Lichter über die sorgfältig geweißte Decke und ich rede mir ein, dass das mit den vorbeifahrenden Wagen zusammenhängt. Aber ich bin mir nicht sicher. Seitlich liegend habe ich den Kopf auf meine Hand gestützt und starre über deinen Brustkorb in die Mitte des Zimmers, wo ein dunkler Schatten unbeweglich auf dem Boden sitzt. Für mich sieht es so aus, als ob da ein Mensch im Schneidersitz betet, vielleicht ist er auch nur in dieser seltsamen Position eingeschlafen, nachdem er zu lange über Yoga nachgedacht hat.
Peters Wege
Meinen Freund Peter zu treffen, ist wirklich nicht so einfach. Das liegt in erster Linie daran, dass Peter keine Uhr sein Eigen nennt, das Mobiltelefon benutzt er im Grunde genommen gar nicht und zu Hause gibt es ebenfalls nichts, was die Zeit messen könnte. Aber letztlich ist die Sache mit der Zeit auch gar nicht das Hauptproblem, denn Peter macht keine Verabredungen. »Das Leben ist ein einziges Verpassen von Möglichkeiten«, behauptete er schon beim ersten Mal, als wir uns begegneten. Zufällig, keine Frage, denn ich war auf dem Weg zum Finanzamt, als wir beiden mit voller Wucht und gesenkten Köpfen auf offener Straße kollidierten. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten und Kopfschmerzen entwickelte sich anschließend aber genau das, was ich heute als Freundschaft bezeichne.
Dass wir uns trotz unterschiedlicher Wege und Gewohnheiten doch immer wieder treffen, grenzt für mich an ein Wunder. Wenn ich ihn zu Hause besuche, ist er in der Regel nicht da, wenn ich in seiner Stammkneipe auf ihn warte, taucht er niemals dort auf, und wenn ich mich an die Nummer seines Mobiltelefons erinnere, dann ist dort immer besetzt. Doch während eines unfreiwilligen Urlaubs in Australien stolperte ich mitten im Outback über seine Beine und er behauptete, erst vor wenigen Minuten eingeschlafen zu sein, beschwerte sich zunächst über den überraschenden Weckdienst, nahm mich dann aber herzlich und sehr intensiv in den Arm. Die Freude war ganz auf meiner Seite, wenngleich ich die Umstände als seltsam empfand, weil ich tagelang außer keinen anderen Menschen gesehen hatte und es in meinen Augen schon ein arger Zufall war, mitten in der Wildnis auf ihn zu treffen. Als ich drei Jahre später etwas gedankenverloren in einer kleinen Bar in Buenos Aires einen Kaffee und ein Glas Wasser bestellte, sah ich in zwei glänzende braune Augen, die ich zunächst nicht einordnen konnte. Als Peter mich dann überschwänglich umarmte, erklärte er mir rasch, dass er nur hier sei, um eine alte Bringschuld seines Vaters abzuarbeiten, und jetzt nicht viel darüber reden könne. Es sei aber alles nicht so schlimm, wie es zunächst klänge.
Meine Versuche, mich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit Peter zu verabreden, scheiterten immer wieder an seiner Maxime und an seinem Fehlen von jeglichem Zeitgefühl. Doch als ich schließlich einige Monate später in einem kleinen Dorf in Usbekistan, das ich eher zufällig passierte und nur aus technischen Gründen dort Station machen musste, wurden mir Peters Begegnungen unheimlich. Er stand dort eher spärlich bekleidet und mit einer Gitarre vor dem Bauch, spielte mir unbekannte Volkslieder und wirkte ein wenig traurig. Damals wusste ich nicht, wie glücklich er in solchen Momenten in seinem Innern war, wollte mich schon daran machen, ihn aufzuheitern, doch als er mich sah, legte er die Gitarre ab, umarmte mich und drückte sich intensiv an mich. »Diese Begegnungen mit dir sind kleine Feste«, sagte er damals und beschrieb mir dann seine abenteuerliche Reise durch den Osten und dass er hier darauf hoffe, mithilfe der Straßenmusik genug Geld zu verdienen, um wieder etwas weiter in den Westen zu gelangen. Ich sprach ihn daraufhin an, stellte ihn zur Rede ob dieser Absurditäten, die immer wieder Pate standen, wenn wir uns trafen. Ich versuchte in wenigen Sätzen zu erklären, wie überaus merkwürdig und fragwürdig diese Zufälle seien, die uns zusammenführten. Aber ich scheiterte an meinem Wortschatz und brach eine Rede vom Zaun, die sicher mehr als zehn Minuten dauerte, doch mein Zeitgefühl mag mich in der Erinnerung täuschen. Für einen Moment blieb es dann still, was in dem einsamen, kleinen Dorf, in dem wir uns befanden und das ich auf keiner Landkarte wiederfände, sicher nicht ungewöhnlich war. Peter lächelte. Dann nahm er die Gitarre wieder auf, legte sich den Gurt über die Schultern und nickte mir zu. »Wenn sich Flugzeuge in der Luft treffen, ist das nicht schön, wenn sie sich verpassen, dann ist es gut. Bei Menschen ist es eben anders, nur sollten wir dabei nicht immer alles infrage stellen.« Dann begann er die Saiten zu zupfen und sang in einer mir unbekannten Sprache.
Ich gab mir Mühe, so zu tun, als hätte ich ihn verstanden, haderte aber noch immer mit den Gedanken, die er mir eingepflanzt hatte. Treffen und Verpassen, Katastrophen und Glücksfälle, dieser Vergleich mit einer Flugzeugkollision erschien mir ebenso befremdlich wie alles andere, was mich zu diesem Zeitpunkt mit dem Mann verband, den ich immer dann traf, wenn es unmöglich erschien, überhaupt einen Menschen zu treffen. Bevor ich mich zum Gehen wandte, weil ich mich schließlich auch noch um den defekten Kühler meines alten Wagens kümmern wollte, unterbrach Peter sein Singen, zupfte aber weiter leise auf den Saiten herum. »Sie es einmal so«, sagte er leise: »Es ist gut, dass ich kein Flugzeug bin.« Dann drehte er sich um neunzig Grad, schmetterte ein tragisch klingendes Lied, machte lange, raumgreifende Schritte und ich verlor ihn nach wenigen Minuten aus den Augen. Aber damals begriff ich auch, dass Peter immer da sein würde, auch wenn es unwahrscheinlich oder unmöglich erschiene. Und fast glaube ich, dass Peters Satz mit dem Verpassen von Möglichkeiten nur ein Trick war, um mich vom Wesentlichen abzulenken: der Intensität vom Erleben des Augenblicks.
Es gibt noch Hoffnung. An einigen Tagen. Und wenn der Schnee fällt und liegen bleibt, dann glaube ich an das Gute. Ehrlich.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.
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