Peters Weisheit

Auch wenn mein Freund Peter in meinem Leben eine zunehmende Präsenz einnahm, so bekamen meine Verwandten und Bekannten oder andere Freunde ihn doch nie zu Gesicht. Woran das lag, konnte ich nicht mit Gewissheit sagen, er erschien nicht zu Feiern oder größeren Anlässen, selbst wenn ich ihn darum bat. Auf seltsame Weise ging er allen Treffen aus dem Weg, wobei die Vermutung nahe lag, dass es sich dabei eher um Zufälle handelte. Aber bei Peter konnte ich nie wissen, ob das, was er tat, einem großen Plan unterstellt war oder einfach nur geschah, weil die Welt sich eben drehte, die Menschen atmeten und die Sonne immer schien.

Im Grunde genommen wäre das ja auch alles gar nicht so wichtig und ganz einfach, wenn da nicht immer die anderen Menschen wären, die alles infrage stellen. Die Fragen nach Peter kamen häufiger, dazu gesellten sich irgendwann auch noch Spott und Hohn, weil einige Menschen Peter als mein Hirngespinst bezeichneten, mit dem angeben wolle. »Er hat wohl Angst vor uns«, frotzelte eine entfernte Cousine, von der ich immer angenommen hatte, dass sie ein Cousin sei. Aber die Erinnerung spielt mir auch heute noch Streiche und Geschlechtsumwandlungen sind schließlich nicht so einfach.

Als dann irgendwann einmal jemand Geburtstag hatte, den ich nur entfernt kannte und zu dessen Feier ich nur über Umwege gekommen war, weil mich jemand eingeladen hatte, der etwas mit mir zu tun haben wollte, ohne dass ich wusste, was es denn hätte sein können, da wurde ich ausdrücklich aufgefordert, entweder mit Peter zu kommen oder gar nicht. Es sei an der Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten und jetzt mal Farbe zu bekennen, schließlich seien Freunde reale Wesen und müssten anderen Freunden auch vorgestellt werden, damit sich der Kreis der sich kennenden Menschen erweitere und alle anderen Menschen an der Weisheit Peters teilhaben könnten. Ich hatte bei dieser Ansprache nur mit den Schultern gezuckt, weil ich mir sicher war, dass Peter weder etwas für mich noch unter Zwang würde tun wollen. Und schon gar nicht ginge Peter auf eine Party, das passte so gar nicht zu dem Mann, der bar jeder Alterseinschätzung war und der sich für alles andere, als eine Feier zu interessieren schien. Dennoch beschloss ich, in den kommenden zwei Wochen bis zur Party Peter zu fragen, ob er nicht mitkommen wolle. Vielleicht würde er, wenn ich es ihm erklärte, aus Mitleid mit mir kommen. Oder einfach nur deswegen, um die anderen anzulächeln und dann wieder zu gehen. Irgendeinen Grund musste es geben, irgendwie würde ich ihn vermutlich überzeugen können.

Doch es kam ganz anders. In den folgenden Tagen war Peter nicht zu erreichen. Weder telefonisch, noch traf ich ihn in seiner Wohnung an. Er schien, wie vom Erdboden verschluckt – aber vielleicht hatte er auch einfach keine Lust, die Tür zu öffnen. Ich hinterließ mehrere Zettel in seinem Briefkasten und schob sogar zwei unter seiner Tür durch, für den Fall, dass er die Post zurzeit nicht las. Irgendwann musste er sich melden. Aber er tat es nicht. Ein wenig ärgerte ich mich, weil Peter permanent bei mir auftaucht, wenn ich es nicht erwartete oder auch gar nicht für nötig hielt, aber jetzt, da ich ihn als Freund brauchte, da war er nicht greifbar. Nach neun Tagen gab ich es auf, Peter zu erreichen, einen Tag vor der Party versuchte ich es noch einmal per Telefon, dann kam ich vor lauter Enttäuschung aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Vielleicht, so hoffte ich, war Peter im Urlaub, im schlimmsten Fall war er gar nicht mehr am Leben.

Am Abend der Party stand ich vor der Entscheidung, hinzugehen und das Fortbleiben Peters zu erklären oder einfach zu Hause zu bleiben. Je länger ich darüber nachdachte, desto deutlicher wurde mir, dass ich kein Interesse an einer Party hatte. Zum einen machte ich mir seit einigen Tagen Sorgen um Peter, zum anderen kannte ich niemanden dort und wollte auch keine neuen Menschen kennenlernen, deren Interesse darin lag, auf eine Party zu gehen. Ich stellte plötzlich alles infrage und wunderte mich, dass ich nur auf den Druck einer Person so viel Druck auf einen Freund hatte weitergeben wollen. Unruhig lief ich in meiner Wohnung auf und ab, vermaß jeden Meter des Parketts und schüttelte immer wieder den Kopf, bis es schon weit nach Mitternacht war. Je länger ich also nachdachte, desto mehr schämte ich mich für mein Verhalten und haderte mit mir, als ich plötzlich einen kleinen Zettel entdeckte, der vermutlich unter der Tür durchgeschoben worden war. Als ich das Papier auseinanderfaltete, stand darauf geschrieben: »Bitte die Tür öffnen.«

Ruckartig griff ich nach der Klinke, im Nu schwang die Tür auf und ich stand Peter gegenüber, der mich ernst ansah. Schließlich nickte er mir zu, legte mir die Hand auf die Schulter. »Die meisten Entscheidungen werden aus Angst vor den Konsequenzen gar nicht getroffen und die meisten Menschen sind gar nicht konsequent, weil es ihnen an Entscheidungen fehlt«, sagte er leise. Ich verwarf den Gedanken, ihn noch zum Gang zur Party zu überreden, sofort und bat ihn hinein. Schließlich war mir schon vorher bewusst gewesen, dass ich gar nicht zu der Feier wollte und ein Abend mit Peter würde immer interessanter sein, als ein Abend unter Unbekannten. Dass Peter darauf gar nicht einging, sich verneigte und wieder auf den Heimweg machte, störte mich indes wenig, denn ich hatte mal wieder genug damit zu tun, über einen Satz nachzudenken, von dem ich gar nicht genau wusste, ob er mich betraf.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.