Morgen wäre es gut

In Ordnung, ich habe mich entschieden. Morgen geht es los. Das ist ohnehin der beste Tag, da weiß ich, dass ich noch Zeit habe, mich darauf vorzubereiten, bevor ich einschlafe und mich auf einen neuen Anfang freue. Und wenn ich dann wach werde, dann kann ich sagen: »So, morgen geht es los.« Aber wenn ich ehrlich bin, dann bin ich ganz anders, denn ich bin viel zu ungeduldig, um bis zum nächsten Tag zu warten, ich will alles sofort anfangen. Es sei denn, es ist mit körperlicher Arbeit verbunden, dann gehe ich allem aus dem Weg und behaupte erst gar nicht, dass ich damit morgen anfinge. Bei mir muss alles schnell gehen, immer von der einen Sekunde auf die andere. Wenn ich Klavier lernen will, dann kaufe ich mir ein Klavier und übe. Und wenn ich mit dem Rauchen aufhören will, dann rauche ich nicht mehr. Gut, die Beispiele sind schlecht gewählt, weil ich mir kein Klavier leisten kann und weil ich Drogen grundsätzlich verweigere – was mir den Ausstieg vom Rauchen schon vor dem Beginn ermöglicht hat. Bei allen anderen Drogen hat es zwar etwas länger gedauert, aber ich habe immer heute aufgehört. Natürlich nicht heute, sondern übergestern oder damals, aber es war zu dem Zeitpunkt eben heute. Heute kann ich sagen, dass ich richtig gehandelt habe, weil ich nichts aufgeschoben habe. Meistens. Wenn ich es doch tat, dann hat es mich immer Geld gekostet. Diese Mahngebühren bringen mich um den Verstand, doch Geld ist nun einmal nicht so wichtig wie Gefühle. Geld ist auch nicht so wichtig wie Drogen, aber ich mag keine Drogen. Sagte ich bereits. Ja. Drogen sollen abgeschafft werden, das Geld bleibt. Umgekehrt wäre es mir lieber, ehrlich, lieber heute als morgen. Jedes Mal wenn ich das sage, dann kommen die Herren von der CDU, von der SPD und den GRÜNEN und die anderen Scheinheiligen, dass Drogen sehr gefährlich seien. Ja, sind sie ja auch, aber Geld ist gefährlicher. Und wenn schon keine Drogen, dann bitte auch keinen Alkohol mehr. Und keine Zigaretten. Einigen wir uns also auf keine Drogen und kein Geld – ab morgen, das sollte für jeden machbar sein. Morgen ist es auch nicht mehr so heiß, morgen ist auch niemand mehr allein, morgen muss niemand mehr hungern, morgen haben alle dieselben Rechte, morgen haben alle frei und morgen geht es allen gut. Ich muss gestehen, dass mir das alles gut gefällt, aber eben auch zu lange dauert. Deshalb greife ich vor, ich will das alles jetzt und sofort und wenn ich die Welt schon rette, dann doch lieber im Sekundentakt und stehenden Fußes, statt auf den Startschuss zu warten, lieber einen Frühstart hinlegen und dann wissen, dass es losgeht. Deshalb geht es heute los mit den guten Dingen, mit den tollen Aussichten, mit der Rettung der Welt, es beginnt heute. Nur, und das ist mir fast peinlich, heute kann ich leider nicht, deswegen passt es mir morgen besser. Am Liebsten wäre mir heute im Jahr 2020, so um den 1. Januar herum. Dann soll die Welt nach dem Beschluss der Klimakonferenz gerettet werden und dann mache ich natürlich mit. Aber ich denke, wir sprechen morgen noch mal darüber, denn das hat meine Mutter früher immer schon gesagt: »Morgen ist auch noch ein Tag.« Allerdings habe ich auch schon im jungen Jahren klammheimlich und leise ergänzt: »... aber ob ich das noch erlebe?«

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.