Ganz anale Sichtweisen

Was du erwartestWenn du irgendetwas erwartest, kommt meistens etwas anderes. Zum Beispiel fahren an Bushaltestellen in der Regel viel mehr Taxen vorbei, die ohne Fahrgast sind und damit durchaus in den ÖPNV eingreifen könnten. Ganz spontan. Das wäre mal etwas, was ganz anders kommt, als du es erwartest – wobei ich mir das schon seit Langem wünsche. Ich wünsche mir auch schon seit Langem, dass Menschen, die morgens allein in ihrem Wagen im Berufsverkehr unterwegs sind, einfach aus dem Vehikel gezogen und in Teer getunkt werden. Es würde mir auch reichen, ihnen den Führerschein zu entziehen, damit sie eine Fahrgemeinschaft mit denen bilden, die noch mobil sind.

Oder wenn du dir den Nachthimmel ansiehst und die Sterne beobachtest, von denen sich einer zu bewegen scheint und immer größer wird. Angeblich ist es wahrscheinlicher, von einem Blitz getroffen zu werden als von herabfallendem Weltraumschrott. Andererseits liegt heute überall Müll herum, in den Straßen, in den Wohnungen und in den unberührten Wäldern und kein Mensch weiß, woher das alles kommt. Da habe ich mir schon mehrfach gewünscht, den genetischen Fingerabdruck flächendeckend einzuführen und die an den Autobahnausfahrten achtlos weggeworfenen McDonalds-Tüten direkt zu untersuchen, dem Verursache über den Kopf zu ziehen und ihn dann so ein paar Wochen brandmarken. Oder er arbeitet einfach bei McDonalds und unterstützt unentgeltlich Massentierhaltung und Einheitsbrei, wobei kein Mensch davon wirklich etwas weiß. Und kein Mensch weiß, was sich da so im Orbit um unseren Planeten befindet und ob es nicht irgendwann mal Stahl regnet, statt beispielsweise Frösche, von denen niemand genau wusste, wie und warum sie plötzlich vom Himmel fielen. Da kann es also zunehmend wahrscheinlicher werden, dass du beim Anblick der Sterne etwas anderes erwartest, aber dann statt von der Faszination von einem massiven Bauteil mit dem Aufdruck »Property of NASA« erschlagen wirst.

Irgendetwas läuft doch immer falsch, irgendetwas ist doch immer kaputt, irgendetwas ist doch immer im Argen. So wie du jetzt vielleicht auch erwartet hattest, dort würde ein ganz anderes stehen, weil es in deinen Kopf besser passt. Aber ich schreibe weder mit noch über Ärsche, Kraft- und Fäkalausdrücke sind mir fremd, weil ich sie nicht benutzen kann oder will, mir ist das fremd. Das kommt vielleicht etwas unerwartet, aber ich bin wohl erzogen worden. Etwas, was viele Menschen eventuell erwartet haben, aber sie bekommen dann immer etwas ganz anderes, wenn sie mich kennenlernen und die Sage vom ruhigen Schriftsteller, der eher schüchtern an einem Tisch sitzt aus von seinem Leben erzählt, trifft auf mich nun einmal nicht zu. Da kommt dann immer etwas ganz anderes, wenn du zu meinen Veranstaltungen kommst, wobei du das nicht tun würdest, weil ich es von dir erwarte und es passiert ja nie das, was ich erwarte und umgekehrt. Und das liegt daran, weil dir auch nie das widerfährt, was du erwartest. Wir bewegen uns alle aneinander vorbei und wollten uns doch treffen. Am besten in meiner Küche, was uns auch immer dort erwartet, das weiß nämlich niemand. Nicht einmal der Ohrenkneifer, der sich immer wieder in einem der Geschirrtücher einnistet – und ich frage mich jedes Mal, was er dort wohl erwartet. Vielleicht eine Frau, vielleicht ist das Geschirrtuch für den Ohrenkneifer so etwas wie die Tankstelle für die Golf-Fahrer. Und der Golf ist das, was früher der Opel Manta war. Und wenn ich neben einem Sportwagen stehe, dann erwarte ich immer einen impotenten Kerl am Steuer, weil der in seinem Gefährt keinen Platz für einen Kindersitz hat. Vielleicht und am besten aus Prestige einen McLaren F1, weil so eine Schleuder allein bei einer großen Jahresinspektion mit 50.000 Euro zu Buche schlägt, was für mich die Existenzgrundlage für fünf Jahre wäre. Viel weniger, als viele erwartet hätten, aber ich bin ein sparsamer Mensch, ich benutze alles mehrfach, sogar Menschen.

Aber so ist das eben mit den Erwartungen und den Dingen, die dann trotzdem geschehen. Ein weiser Mann sagte mal, dass es immer darum gehe, von nichts auszugehen und dann alles zu bekommen. Keine Erwartungen, aber jede Menge Überraschungen. Doch wer will heute überrascht werden? Niemand, deswegen bestellst du seit fünf Jahren bei dem Italiener deiner Wahl immer die Pizza Spinaci, obwohl die Speisekarte so viel mehr zu bieten hat – und erst, wenn die Pizza einmal nicht schmeckt, dann, ja, dann gehst du nie wieder zu dem Italiener. Und so machst du es mit deinen Freunden, so machst du es mit deinem Wagen, mit deinem Mobiltelefon, so machst du es mit deiner Kleidung, so machst du es mit deiner Partei und so machst du es mit allem. Du bist nicht bereit für einen Wandel, weil du selbst in einem Betonklotz steckst, von dem du immer behauptest, dass er dir zum einen gehöre und zum anderen aus Wackelpudding sei. Und jetzt, da du beim Lesen den Kopf schüttelst, weil du ja ganz anders bist und dein Brot selbst aus handgeschöpften Materialien backst, deine Kleidung niemals bei H&M kaufst, sondern immer von einem Maßschneider anfertigen lässt, du doch politisch so engagiert bist, dass du auf ein Auto verzichtest und auch sonst dich immer korrekt verhältst, jetzt stellst du fest, dass deine Erwartungen an den Text, den du immerhin bis hierhin gelesen hast, dass deine Erwartungen irgendwo sind und genau erfüllt wurden. Oder auch nicht. Du hast immer recht, du kennst deine Fehler und du bist eben so wie du bist, weil du es dir leisten kannst, so zu sein und es ist ja auch gar nicht schlimm, seine Zigaretten bei der Shell zu kaufen.

Die Moralapostel, zu denen ich gehöre, nerven dich, das geht nämlich auch anders, das weißt du. Und schließlich bin ja auch ich nicht perfekt, das weißt du und deswegen ist das alles Unsinn, ich bin eine Spaßbremse. Ich weiß, dass du das weißt, wir wissen das. Wir streuen uns Erwartungen auf das Lebensbrot und laben uns an der Gewöhnung, aber um auszubrechen, dazu sind wir zu faul. Oder zu dick. Oder zu dumm. Oder einfach zu feige. Aber, und da bitte ich gar nicht erst um Entschuldigung, aber ich bin da anders, das wirst du erwartet haben, ich mache viele Dinge anders und stoße fast schon zu gern auf Unverständnis und Kopfschütteln und Widerstände. Nur so entsteht aus Gewohnheit Veränderung, nur so entsteht aus Stillschweigen Kommunikation. Ganz sicher sind nicht alle meine Sichtweisen großartig, aber wenn ich mit diesem Text eine Stirn in Falten geschlagen oder einen Kopf zum Nicken gebracht habe, dann habe ich etwas bewegt und vielleicht denkt auch irgendjemand nach und will etwas verändern. Vielleicht ist es nicht das, was du aufgrund des Titels erwartet hast, aber so ist es ja immer: Es kommt ganz anders.



Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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