Peters Wildnis

Was es auch istAls mir wieder einmal die Worte fehlten und die Augen aus dem Kopf traten, da stand Peter plötzlich neben mir: »Für einige Menschen ist das Leben wie ein großer Bahnhof, bei dem sie viel zu spät bemerken, dass er stillgelegt wurde.« Vielleicht wollte er mich mit diesem Satz nur durcheinanderbringen, vielleicht steckte ein tiefer Sinn dahinter, das weiß ich bis heute nicht. In gewisser Hinsicht funktionierte das Ablenkungsmanöver jedoch, denn ich geriet kurzfristig in einen anderen Gedankengang und dort ins Stolpern. Ich fragte mich, was Peter gerade jetzt bei mir zu suchen hatte, zumal ich mich verwirrt und tränenreich in einem der endlosen Gänge eines Supermarktes befand, wo ich mal wieder vollkommen überfordert vom vollkommen überflüssigen Angebot erschlagen worden war. Außerdem hatte ich keine Ahnung, was ich im Gang mit den Haarwaschmitteln, die sich hier scherzhaft »Shampoo« nannten, überhaupt zu suchen hatte. Für mich war das Leben in diesem Moment ein Supermarkt, mit dessen Angebot ich so gar nicht anzufangen wusste. Und ironischerweise war das dichter an der Wahrheit als alles andere, was ich zuvor über mich und das Leben gedacht hatte.

Aber neben mir stand ja noch Peter, der unbeweglich auf die riesige Regalwand starrte und keine Miene verzog. Fast hätte ich ihn berührt, um sicherzugehen, dass er keine Wachsfigur sei, aber wer sollte so etwas in einem Supermarkt aufstellen? Und dann noch mit Peters Konterfei? Ich versuchte mich stattdessen an den Satz zu erinnern, den Peter gesagt hatte, um mich wieder in die Realität zu zerren, wenngleich ich gar nicht wusste, wo ich zuvor gewesen war. Es hatte etwas mit einem Bahnhof zu tun, das glaubte ich, zu wissen. Doch das Einzige, das mir jetzt einfiel, war mal wieder eine Frage, von der ich sicher war, dass Peter sie in seiner unnachahmlichen Form umgehen würde. »Was tust du hier?«

Ganz langsam drehte er den Kopf in meine Richtung. Und mit derselben Geschwindigkeit schien sich auch der Ausdruck in seinem Gesicht von ernst in lächelnd zu verwandeln, wobei mir bewusst war, dass das im Grunde nur bedeutete, dass er sich nicht wohlfühlte. Ehrlich gesagt konnte ich mich nicht daran erinnern, welcher spezielle Gesichtsausdruck auf Peters Wohlbefinden hinwies. Deshalb ging ich immer davon aus, dass alles außer Lächeln gut war, nur eben das Lächeln nicht, auch wenn es dann in anderen etwas bewegte, das positiv war. »Was tust du hier«, fragte Peter mit ungebrochenem Lächeln.

Echos waren die meine Leidenschaft, weil sie mir schonungslos aufzeigen, welche Fehler ich mache. Als ich als Kind einen Ball gegen eine Wand schoss, da war sie ein unerbittlicher Lehrer, weil ich an ihr wuchs oder zerschellte, jeder Schuss war durch den Abprall eine Herausforderung und manchmal musste ich weiter laufen, als mir lieb war. In gewisser Weise war Peter die Wand und ich trat meine Worte gegen ihn, weswegen ich jetzt gedanklich weiter laufen musste, als es mir lieb war. »Ich habe keine Ahnung«, entgegnete ich schließlich nach einer Pause, in der ich hätte einkaufen können. »Ich glaube, ich wollte kurz Milch holen, aber dann habe ich mich hier verlaufen«, gab ich kleinlaut zu.

Peter nickte langsam, lächelte dabei weiter. Dann legte er mir eine Hand auf die Schulter und zeigte mit der anderen auf das Regal, so als markiere er jedes Stück Ware einzeln. »Hier in der Stadt«, sagte Peter dann leise, »ist alles undurchdringbar, weil alles gleich aussieht, und deswegen werden die Menschen hier nicht überleben.« Sein Gesicht wurde schlagartig ernst, er nahm behutsam die Hand von meiner Schulter. »Und wenn du weißt, was du brauchst, dann gibt es keinen Grund, um an so einem Ort zu sein.« Er verneigte sich und nickte mir noch einmal zu, dann drehte er sich um und schwenkte die Hand zu einem Abschiedsgruß in der Luft herum, nahm dabei mit der anderen Hand eine Tube Haargel aus dem Regal und platziert am Ende des Ganges auf dem Boden. »Ich lege dir eine Spur, damit du den Weg nach draußen in die Wildnis findest«, flüsterte er mir zu. »Die gehört mir und ist einzigartig.«

Und da stand ich nun, ohne Worte und ohne einen Plan, was ich hier wollte. Das Einzige, das mir jetzt weiterhalf, war eine Tube Haargel, die ich gar nicht gebrauchen konnte, aber die mir zumindest eine Richtung angab. Ich nahm mir vor, Peter beim nächsten Mal zu fragen, wo denn dieses Draußen sei, nachdem ich so lange gebraucht hatte, um endlich in mir zu sein. Aber das war eine dieser Fragen, von denen ich wusste, dass Peter sie niemals beantworten wusste.



Klar, ich bin wieder offen für neue W-Worte für die kommende Peter-Geschichte am nächsten Montag. Vielleicht schenkt ihr mir eine größere Auswahl und habt keine Angst, etwas zu tippen. Bislang habe ich noch niemanden für seinen Vorschlag erschlagen.
Und: Zeigt Peter, dass ihr ihn mögt.



Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.