Peters Werbung

SpinnenfamilieSolange ich Peter kenne, und das muss schon eine Ewigkeit sein, trägt er immer dasselbe T-Shirt. Ich weiß nicht, ob er es in der Zeit, die ich mit ihm verbracht habe, irgendwann mal gewaschen hat, aber ich bin mir sicher, dass es immer dasselbe Hemd war. Dasselbe weiße, schmutzige Hemd. Es könnte freilich auch ein schmutziges, weißes Hemd sein, aber die Farbe war dominanter als der Schmutz, deshalb entschied ich mich, diese Formulierung in meinen Kopf einzubrennen. Doch da gab es dann diesen Zeitpunkt, an dem ich Mitleid mit Peter hatte. Vielleicht, weil ich seine Armut erkannte, vielleicht, weil ich der Meinung war, dass so ein weißes, schmutziges Hemd gar nicht zu so einem Menschen passt, der in meinen Augen zwar durchaus gewöhnungsbedürftig im Umgang, zweifelsohne aber auch kühn in den Gedanken und rein im Herzen war. Ich entschloss mich also, ihm etwas zu schenken, dass die Mischung aus Kühnheit und Reinheit in sich trug, etwas, das den Fluch des Schmutzes beseitigen konnte, ohne aufdringlich zu sein. Deshalb entschied ich mich, Peter ein T-Shirt aus meiner „Lies Bücher“-Reihe zu schenken. Ein schwarzes Hemd mit weißem Aufdruck, allerdings in einer Version ohne Logo und ohne Internetseite, weil es dabei nicht um mich, sondern nur um ein sauberes T-Shirt gehen sollte.

Peters Reaktion auf mein Geschenk war jedoch verhalten. Nachdem er die Baumwolle aus dem Zeitungspapier geschält hatte, das ich zuvor zum Einwickeln des eigenwilligen Geschenks verwendet hatte, betrachtete er den Stoff nachdenklich und lächelte dann. Ich wusste bereits, was das zu bedeuten hatte und räusperte mich umgehend. „Es ist als Ersatz für das andere Hemd gedacht, das ja schon ein wenig in die Jahre gekommen ist.“ Peter nickte nur und musterte mit einer gefalteten Stirn die Buchstaben, drehte das Hemd noch einmal herum und roch daran. „Sehr schön“, murmelte er dann und schüttelte anschließend den Kopf, „aber das ist nichts für mich.“

Ich verzog kurz den Mund, kratzte mich am Kopf und verwarf einen Gedanken, der sich aus ziemlich lächerlichen Gründen an der Rückseite meines Hirns festhielt. Nicht, dass ich die Ablehnung Peters als Beleidigung auffasste, ich war einfach nur irritiert, das mein Geschenk auf so wenig Zustimmung stieß. Und ich war beleidigt. „Mit diesem weißen, schmutzigen Hemd siehst du aus wie ein Penner“, fuhr es aus mir heraus. „Ich dachte einfach, dass wir das mal ändern.“

Peters Lächeln blieb ungebrochen. Wieder ein kurzes, fast väterlich wirkendes Nicken. „Ich weiß, was du vorhast. Ich mag aber mein altes T-Shirt, es ist noch tadellos.“

„Es ist schmutzig!“, warf ich ein und dachte darüber nach, vielleicht doch den Terminus in „schmutziges, weißes T-Shirt“ zu ändern, weil das die Dramatik des Stoffes deutlicher machen würde. Ich konnte und ich wollte nicht verstehen, warum jemand an einem alten Fetzen festhielt, der ihm so gar nicht zum Vorteil gereichte. Klar, da war kein übler Geruch, der Peter umgab, aber vielleicht käme das irgendwann. Wenn Menschen alterten, wurden sie immer von seltsamen Gerüchen umgeben. Meistens lag das an Alkohol, Zigaretten oder dem langsam faulenden Fleisch, was ich aus eigener Erfahrung wusste.

Peter sah an sich herab, betrachtete das Hemd. Wieder nickte er. Dann warf er noch einen flüchtigen Blick auf das schwarze T-Shirt in seiner Hand, schmiss noch ein Lächeln hinterher, um schlagartig ernst zu werden. Im Grunde genommen wurde er stehenden Fußes ernst, weil er mir schlichtweg gegenüberstand. „Ich mag den Spruch“, sagte er ruhig, „aber ich will niemanden zu etwas zwingen oder verleiten. Wer lesen will, soll lesen und wer am Computer spielen will, kann das tun. So ein T-Shirt gibt eine Richtung vor, die der Mensch gar nicht braucht.“ Er zwinkerte mir zu. Erst mit dem linken Auge, dann mit dem rechten: „Du solltest als Kreativer doch wissen, dass jede Leinwand, jedes Blatt Papier nur so lange geduldig bleibt, bis es jemand benutzt hat.“

„Dann schenke ich dir eben ein schlichtes, schwarzes T-Shirt“, entgegnete ich patzig.

Peter schüttelte den Kopf und sah nach oben. Seine Augen verengten sich zu kleinen Schlitzen, seine Pupillen waren dünne, grüne Striche, die durch das Weiß des Augapfels klar begrenzt wurden. Ein wenig Licht spiegelte sich daran und traf auch mich. „Schwarz schluckt alles, darauf kann nicht viel stattfinden und darin verlieren sich die Blicke. Mein weißes Hemd ist genau die Wolkendecke, die der Mensch braucht, um das darin zu finden, was er sehen will.“

Ich versuchte mich daran zu hindern, ein dümmliches Gesicht zu machen, um Peter zu verbergen, dass ich nicht verstand, was er da sagte. Ich wollte gern intelligent wirken und führte meine Hand zum Kinn, sah nun ebenfalls nach oben, ohne aber irgendetwas zu sehen, was sich lohnte. Außerdem wurden meine Augen von der Sonne so stark geblendet, dass ich sie kurz darauf schließen musste und den Kopf beschämt senkte. Spätestens jetzt sah ich dümmlich und unwissend aus.

„Für dich“, sagte Peter so leise, als ob es niemand anderes hören sollte, wenngleich wir allein waren, „für dich ist das Hemd schmutzig, weil du gern Reinheit hättest, aber sie nirgendwo findest. Jemand anderes sieht ein Muster, wieder ein anderer erkennt einen Drachen, einen Hund, vielleicht ein Gesicht, ein Haus, eine Tüte Gummibären, ein Raumschiff oder eine Idee, die noch niemand hatte. Mein T-Shirt ist die Leinwand der Welt, auch wenn das niemand weiß, aber es ist so. Mein T-Shirt ist die beste Werbung, weil niemand bemerkt, dass ich für die Menschheit und ihre Fantasie werbe.“ Er sah mir in die Augen und dann noch einmal auf das schwarze Hemd in seiner linken Hand: „Ich behalte es gern und vielleicht trage ich es an meinem letzten Arbeitstag.“

Ich habe davon abgesehen, Peter zu fragen, was er denn arbeitet und wann er damit aufhören will. Aber ich sehe mir jetzt sehr gern sein T-Shirt an und versuche, etwas darauf zu erkennen, was ich auf den ersten Blick nicht bemerken konnte. Und ich hoffe, dass mir das bei anderen Dingen auch gelingt. Tatsächlich ist Peters Werbung eine brillant ausgeklügelte Strategie.

 

Wer Lust hat, kann als Kommentar unter diesem Text ein Wort schreiben, das mit "W" beginnt, mit oder aus dem ich am kommenden Montag eine neue Peter-Geschichte stricken werde. Bereits vergeben und verwertet sind: Wahnsinn, Werte, Wege, Welt, Wissenschaft, Werbung. Ich bin für alles offen und suche mir dann etwas heraus.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.