Alles hängt zusammen

SchattengewächsEs gibt immer ein letztes Mal. Und es gibt immer einen Anfang. Oft hängt das irgendwie zusammen, muss aber nicht. Schon Dettmar Cramer hat mal gesagt, alles hinge irgendwie zusammen: »Sie können sich am Hintern ein Haar ausreißen, dann tränt das Auge.« Soll er gesagt haben. Ich war nicht dabei. Aber es gibt ganz sicher immer ein letztes Mal und heute ist gibt es ganz viele davon. In meinem Leben, in einem anderen mag das anders sein. Die Bauarbeiter auf der anderen Seite der Straße schreien zwar so laut, als wäre es das letzte Mal, aber ich bin mir sicher, dass das morgen auch noch so sein wird. Die müssen das tun, das gehört zum Beruf dazu, es hängt eben alles irgendwie zusammen. Haare und tränende Augen, Baustellen und Schreie. Wenn da mal einer vom Dach fällt, sollten sie flüstern, damit jemand den Unterschied bemerkt. Seit Wochen bin ich bei jedem Schrei aufgeregt ans Fenster gestürzt, um zu prüfen, ob ich Erste Hilfe leisten muss oder einen Leichenwagen kontaktiere. Jedes Mal falscher Alarm, so etwas ist frustrierend. Aber ich habe mich bis heute nicht entmutigen lassen und laufe immer noch zum Fenster. Vor vier Tagen machte sich ein Mann in der Hartungstraße um einen etwas heruntergekommenen, älteren Herren Sorgen, der scheinbar einen Zustand zwischen Leben und Tod angekommen hatte, weil er auf der Bank vor den Hamburger Kammerspielen einfach so zusammengesackt war. Nach einer ersten Kontaktaufnahme, die aber recht einseitig verlief, weil der Bankdrücker der Worte nicht mächtig war, machte sich der Mann daran, einen Notarzt zu rufen. Daraufhin tauchten wie aus dem Nichts plötzlich drei Menschen auf, einer von ihnen der Tresenpfleger des Theaterrestaurants, und stellten den Mann zur Rede. Schließlich könne er nicht einfach einen Krankenwagen rufen, nur weil ein Mann schliefe. Schließlich müsse er sich vorher erst einmal informieren, welche Begleitumstände die Situation mit sich bringe. Schließlich wäre sein Handeln vollkommen lächerlich, weil ihr Freund eben nur schliefe. Der Mann rechtfertigte sich und fragte, wie sie es denn merken würden, wenn es dem Herrn auf der Bank wirklich schlecht ginge. Die Angesprochenen zuckten nur mit den Schultern und wiederholten, dass ihr Bekannter nur schliefe, es ginge ihm also gut. Als der Mann dann ankündigte, nun wirklich einen Krankenwagen zu rufen, lachten die drei ihn aus. Kurz nachdem der Notruf alarmiert wurde, wachte der Herr aus dem komatösen Zustand auf, lallte irgendetwas und die drei Bekannten lachten, spotteten noch über den besorgten Mann, der noch einmal nachfragte, ob es dem Bankdrücker denn wirklich gut ginge. Alles hängt irgendwie zusammen. Und so ist das in diesem Land: Ein Zweijähriger stirbt neben seiner Mutter in einem Hamburger Mietshaus, schreit sich die Seele aus dem Leib und niemand geht darauf ein. Es ist schwer, die Mieter wegen unterlassener Hilfeleistung zu verklagen, jeder hat seine eigene Rechtfertigung, anderen nicht zu helfen. Auf offener Straße wird in dieser Stadt ein Mann von vier Kerlen bedroht und niedergestochen, die meisten Umstehenden machen Videos mit ihren Smartphones, ehe schließlich jemand einschreitet und die Angreifer vertreibt. Es hängt alles irgendwie zusammen, die Furcht der Menschen vor sich selbst und vor anderen. Keiner lächelt mehr, weil er Angst vor dem Echo oder den Folgen hat, niemand hilft mehr, weil es ein Fehler sein könnte.
Hilfe ist kein Fehler.
Liebe ist kein Wagnis.
Gemeinschaft ist keine Krankheit.
Immer häufiger verhalten sich die Menschen wie Politiker – kein Wunder, das sollen Vorbilder sein. Und wenn ich mir ansehe, wie die Volksvertreter im Bundestag und auch außerhalb miteinander umgehen, dann kann ich nur irritiert sein. Dem anderen zuzuhören, ist nicht möglich, wenn er einer anderen Partei angehört. Für mich beginnt an dieser Stelle schon ein Krieg, keine Diskussion. Immer häufiger erlebe ich Menschen, die kategorisch etwas ablehnen, ohne sich auch nur in den anderen hineinzuversetzen, weil es für jede Handlung auch einen Grund und einen Hintergrund geben muss. Es hängt eben auch alles irgendwie zusammen. Und wenn ich dann als Mensch, der an etwas glaubt, sehe und höre, wie Menschen mit ihrem Glauben umgehen, dann bin ich verwirrt. Mehr als das. Wenn Pierre Vogel von einem Gott spricht, der etwas hasst, bin ich vielleicht in der Lage, etwas mehr von den Menschen zu verstehen, die auf dem Planeten wandeln. Auch sie hassen. Ich kann das nicht nachvollziehen, aber ich weiß, wie sie denken. »Hass war nie mein Brot«, sagte eins Hanns Dieter Hüsch – und ich stimme ihm zu. Ich mag mir auch nicht vorstellen, dass es einen Gott gibt, der etwas anderes als Liebe bereithält. Aber es hängt eben alles irgendwie zusammen. Der Hass der Menschen, der Spott über die, die anders sind, das Ausgrenzen, das Stillhalten, das Abgrenzen und der Satz: »Man kann ja doch nichts machen.« Für einige gibt es ein letztes Mal ohne eine Fortsetzung, für andere gibt es einen Neubeginn und der kann in jeder Stunde seinen Anfang haben. Alles hängt irgendwie zusammen. Jede Tat, jeder Mensch, jeder Schrei und jedes Lächeln.

 

Und, ja, irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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