Heimat

RotEs gibt diese Verfolgerblicke. Du spürst sie im Nacken, an den Schultern, sie berühren dich überall, aber wenn du dich umdrehst, dann ist niemand da. Nur wenn du vor einer großen Fensterscheibe stehst, dann kannst du sie sehen. Zumindest glaubst du, dass sich zwischen den Schatten etwas bewegt. Ganz sicher wirst du dir nie sein, das warst du auch noch nie. Die bodenlose Gewissheit, die dich verfolgt und dir garantiert, dass du immer allein sein wirst, auch wenn immer jemand bei dir ist. Denn da gibt es ja auch noch diese Stimmen. Du hörst sie tagsüber, du hörst sie abends und du hörst sie in den Stadien, in den Konzerthallen und auf den öffentlichen Toiletten, du hörst sie nachts, wenn du in deinem Bett liegst. Nicht immer kannst du sie verstehen, aber sie reden. Deswegen kannst du all die anderen Worte nicht ertragen, deswegen ist es dir unmöglich allem zu folgen, aber du tust dennoch so, als wärest du dabei, damit du bei aller Einsamkeit, inmitten all der Seltsamkeit nicht so sehr auffällst. Dabei wünschst du dir genauso sehr, nichts mehr zu hören, als endlich all das zu verstehen, was sie dir sagen wollen. Es ist die Klarheit, immer im Unklaren darüber zu sein, was dich umgibt und was in dir ist. So wie das Jucken an den Beinen oder den Armen, das immer wieder auftritt, wenn alles richtig zu sein scheint. So als ob dich jemand daran erinnern möchte, dass niemals alles richtig ist. Die Unruhe vor dem Sturm, das blinde Auge des Hurrikans, die Baustelle in der Oase der Stille. Schließlich gibt es da auch noch das, was du am meisten hasst. Etwas, das in dir ist, von dem du nichts wissen willst, für das du dich schämst und es so gut du kannst zu verbergen versuchst. Manchmal gelingt es dir, dann reist du durch die Tage in einer Blase, die du mit lachenden Gesichtern bemalt hast, und sagst Sätze, die überall passen und die allen gehören. Manchmal kannst du das tagelang machen und schämst dich mit jeder Stunde mehr, dass es dir gelingt, dich zu verleugnen. Du kannst dich sehen in jedem Spiegel der Welt und wunderst dich über gar nichts, aber darüber, wie all die anderen es machen. Du verstehst gar nichts und wärest gern eine der Stimmen, die niemand außer dir zu hören scheint, ein Blick, der wie ein Lichtstrahl im Wald verloren geht.

Erklären sollst du das alles, aber wer einmal mit dem Flugzeug abgestürzt ist, der kann es beschreiben, aber kaum jemand wird es fühlen können. Es ist manchmal so, als säßest du im falschen Zug und du wartest nur darauf, dass endlich die nächste Haltestelle kommt, dass du aussteigen und wieder zurückfahren kannst. Aber das ist nicht alles. Es ist manchmal so, dass du satt bist, aber immer noch Hunger hast und dann übergibst du dich nicht, du platzt innen und kannst keines der vielen, kleinen organischen Puzzleteile anfassen und wieder zusammensetzen. Aber das ist nicht alles. Es ist manchmal so, dass die Tage verstreichen und du bist ein Teil von ihnen, du bist jede Sekunde, jede Minute, jedes Ticken und auch gar nichts; du bist unumgänglich vergänglich und doch unendlich in einer Weite, die unbeschreiblich leer ist. Also erklärst du nichts.

Die Unfähigkeit des Seins begleitet dich. Vielleicht gibt es einen oder zwei, die wissen, was du meinst, aber niemand weiß, wer und was du bist. Dabei fragst du dich, wie die anderen Menschen das machen, wie sie damit leben können oder ob das bei ihnen alles ganz anders ist. Und wenn du ehrlich bist, willst du gar nichts über all die anderen wissen, weil du mit dir selbst so viel zu tun hast, dass du es zu deinem Beruf gemacht hast, Wege aus dir in die Freiheit zu finden, weil du viel zu beschäftigt bist, den Blicken auszuweichen und die Stimmen zu überhören. Es gibt keinen Ort, an dem du zu Hause bist und doch hoffst du jeden Tag darauf, ein Stück Heimat zu finden, von dem du dich verabschieden kannst, wenn du gehst.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

Zuletzt geschrieben

Suchen

Auftritte