Wollen wir uns treffen?

Stop»Wir können uns ja morgen treffen«, sagt sie und ich kann dem hoffnungsvollen Blick nicht ausweichen, er überrollt mich wie ein Flutwelle, breit angelegt. Ich frage mich, ob in mir ein Atomkraftwerk steckt, das dann betroffen wäre und wenn es nicht der Fall ist, ob der Gedanke dann beschämend ist. Ich bezweifle allerdings, dass Japan mir finanzielle Unterstützung zukommen ließe, bei den Flutkatastrophen entlang der Elbe haben sich die Diener des Kaiserreiches auch nicht sonderlich großzügig gezeigt. Doch zurück zum hoffnungsvollen Blick und ihr, die ihn sendet, weil sie doch so gern in meiner Nähe ist. Wie sie immer wieder betont. Ich bin auch gern in meiner Nähe, aber das muss so sein, das lässt sich nicht umgehen, ich habe die Pflicht, mit mir auszukommen. Aber ich mag mich auch an den meisten Tagen.

»Nein«, sage ich gedehnt, »morgen geht es nicht, da bin ich nicht zu Hause.«

Sie nickt verständnisvoll. Jeder weiß, dass ich viel unterwegs bin, jeder kennt meinen Terminplan besser als ich, jeder weiß, wann ich morgens aufstehe und dass mein Leben endlich ist. So auch sie. Studiert hat sie mich, alles weiß sie von mir und das ist viel mehr, als ich weiß. Fast bewundere ich sie, ihre Energie, sich in mich hineinversetzen zu wollen und die Neugier, die dahinter steckt, wenn sie mir Fragen stellt, die ich nicht einmal mir selbst beantworten möchte. Aber diese Bewunderung ist nicht wahrhaftig, denn im Grunde genommen bedauere ich sie, weil sie sich selbst belügt und keinen Meter in sich vorwärtskommt, weil sie mich als ihren Anker sieht, der sie daran hindern wird, auf dem Meer verloren zu gehen. Im Klartext bedeutet das, dass ich für sie abtauchen soll, damit sie mehr Sicherheit bekommt. Ausgesprochen hat sie das nie, aber ich kenne diesen Blick, ich kenne diese Fragen, ich kenne diese Menschen. Ich kenne sie zu gut, ich habe sie zu oft gesehen, sie verfolgen mich. Und wenn ich unsterblich bin, dann sind sie es auch. Schade. Irgendwann werde ich allein mit den Menschen sein, die ich gar nicht mag. Die Unendlichkeit hat Defizite.

»Ich bin mobil«, sagt sie, »wir können uns irgendwo in der Stadt treffen.«

Jeder Mensch ist heute mobil, jeder ist immer und überall, jeder ist immer auf der Flucht vor sich selbst und hört mit einem Ohr irgendeinen dieser neumodischen Liedermacher, die sich lieber Songwriter nennen, weil sie ja ihre Ernsthaftigkeit hinter komischen Wortbildern verstecken, die kaum jemand versteht, aber jeder genau deswegen so überwältigt ist. Und irgendwie klingen sie auch alle gleich, aber sie sind individuell und immer unterwegs. Die Menschen, die Liedermacher und die Telefone, an denen ihre Ohren fortwährend hängen. Alles ist mobil, die Zeitschrift in der Deutschen Bahn heißt so; ich verliere beim Anblick immer die Lust auf das Lesen – aber das ist wieder eine ganz andere Sache. Ich beginne zu nicken, weil ich die Hartnäckigkeit erkenne. Immerhin ist sie hartnäckig, die meisten dieser jungen Menschen haben keinen Biss, sie lassen sich schnell entmutigen und haben dann einfach keine Lust mehr, wenn etwas zu lange dauert. Sie wechseln den Sportverein oder den Studiengang, die freie Meinung als Panikschalter, damit die Hintertür offenbleibt. Je mehr Möglichkeiten, desto diffuser die Menschen. Sie wohl nicht, sie ist hartnäckig.

»Ja«, sage ich gedehnt, »aber ich bin morgen nicht mal in der Stadt.« Dabei sehe ich ihr in die Augen und versuche, darin etwas wie Enttäuschung zu finden. Doch ich entdecke nur Begeisterung. Nebenbei fällt mir der schwachsinnige Gedankengang eines Freundes ein, der die Enttäuschung als »Ende einer Täuschung« bezeichnete, was vermutlich auf seiner eigenwilligen Rechtschreibung basierte. Oder irgendwelchen Esoterik-Gedanken. Oder seinem Wunsch, wieder mit seiner Ex-Freundin zusammenzuziehen, wenngleich er das niemals zugegeben hätte. Vielleicht kann sie sich auch verstellen, aber vielleicht ist sie auch nicht so leicht zu verschrecken. Größere Geschütze müssen her.

»Ich bin morgen nicht in Deutschland«, füge ich also hinzu. »Ich bin nicht einmal auf dem Kontinent, ich bin nicht auf diesem Planeten. Wir können uns also nicht treffen.«

Sie nickt und lächelt dabei, so als ob sie das Universum gefrühstückt hätte, was dann wohl bedeuten muss, dass ich mich morgen auf jeden Fall in ihr befinde. Sie lächelt eben genau so, als ob sie ohnehin schon alles weiß und jede Antwort der Welt parat hat. Ich mag das nicht, aber ich kann das respektieren, wir waren alle mal jung, ich dachte früher auch, hinter meiner Zimmertür würde eine Hexe leben. Nachts, nur nachts. Tagsüber lagen dort ausschließlich Legosteine, aber ich war mir damals sicher, dass das nachts anders aussah. Nur, dass ich mich nie traute, das zu kontrollieren, schließlich wohnte dort eine Hexe. Und niemand stört nachts eine Hexe. Vielleicht ist die junge Frau auch eine Hexe, vielleicht ist das Lächeln ein Akt der Verzauberung, vielleicht ist sie auch einfach nur dumm und lächelt aus Verlegenheit. Aber vielleicht ist sie so weise, dass sie immer lächelt, weil es ihr dann besser geht. Und vielleicht hat sie auch einen Gesichtskrampf. So etwas kommt vor. Doch sie macht alle Gedanken zunichte.

»Ich kenne das«, sagte sie leise und lächelt ungebrochen weiter, »ich habe selbst Depressionen.«

Es ist nicht leicht mit diesen jungen Menschen, die immer alles wissen. Ich war früher anders, denn wenn ich etwas wusste, dann hatte ich dabei nicht auch noch recht, sondern redete irgendwelchen Unsinn. Und ich wünschte, ich hätte jetzt einen hoffnungsvollen Blick im Repertoire.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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Auftritte

Das Kabel in der Welt

D. saß in seinem Labor und betrachtete die Anordnung der Versuchsobjekte. Er hatte tagelang berechnet, wir es funktionieren konnte, aber Theorie und Praxis lagen trotz genauester Berechnungen oft meilenweit auseinander. Wenn es jetzt gelänge, das Licht weiter zu bündeln, dann wäre das im wahrsten Sinne ein Durchbruch. Wenn es nicht funktionierte, dann wäre es auch möglich, dass in diesem Moment alles endete. Weiterlesen...

»Lassen Sie denen doch die Kameras wegnehmen«, sagte Krüger.

Der Kommissar zuckte nur mit den Schultern: »Denen kann ich sie wegnehmen, aber den Menschen in der Menge nicht. Ich wette, das Bild von der Hauswand ist schon bei Twitter und Facebook gelandet. Wir müssen nur verhindern, dass es in einer Zeitung, im Radio oder im Fernsehen erscheint.«

»Aber ...«, versuchte Krüger ihn zu unterbrechen.

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»So viel Zeit muss sein«, sagte Frank und ging zur Zeugin, stellte sich vor. »Was haben Sie denn gesehen oder gehört?«

»Gestern Abend habe ich eine Frau gesehen, die mit dem Mann von da oben zusammen ins Haus gegangen ist. Lange blonde Haare, nicht unbedingt zierlich, aber auch nicht dick, eine Jeans und einen Pullover hatte sie an und so komische Stiefel ...« Weiterlesen...

Die Vier sahen ihn ungläubig an: »Einen Zeugen?«, fragten Kapellke und Schmidt unison und blickten dann etwas irritiert zueinander. »Ich weiß auch nicht mehr«, sagte Frank, »aber wir rücken jetzt ab. Das Versiegeln des Tatorts können die Kollegen hier übernehmen.« Weiterlesen...

Sie wirkte nicht nur nachdenklich, sie war es auch. Zum einen zweifelte sie ohnehin schon an ihren Fähigkeiten, weil sie im Verlauf des Falles nichts zur Aufklärung hatte beitragen können, zum anderen glaubte sie wiederum auch nicht daran, dass jemand von außerhalb mehr bewirken konnte als sie. Es standen einfach nicht genug Informationen zur Verfügung, um irgendetwas Hilfreiches sagen zu können, da würde auch ein Spezialist aus den USA nicht viel bewirken. Sie verzog den Mund kurz zu einem trotzigen Halbmond, gab sich aber schon fast im selben Moment Mühe, entspannt und gleichgültig zu wirken. »Vielleicht«, sagte sie dann noch einmal, »vielleicht bringt es etwas.« Weiterlesen...

Das Kabel in der Welt