Wer tritt wen und wohin?

OrionEs sei ja eine Unverschämtheit, so der junge Mann um die 40, dass gerade in so speziellen anatomischen Fällen, wobei es oft auch psychologische Ursachen gäbe, weil ja im Grunde genommen alles im Kopf seinen Ursprung habe, weswegen es in seinen Augen nun auch wirklich eine Unverschämtheit sei, dass überall getreten würde. Es sei ja offenkundig, dass Menschen nur zu gern ihre Stiefel zur Hand hätten, um dann alles kurz und klein zu treten. Zumal einige Herren – und hin und wieder auch Damen – das Wort »Springerstiefel« wohl auch vollkommen falsch interpretierten, zumal dieses Schuhwerk, wenn es denn überhaupt wirklich das Echte sei und nicht irgendeine modische Kopie, zumal diese Treter zum Springen und Aufprallen gedacht seien, nicht für irgendeinen Kampfsport. Aber das, so der junge Mann um die 40, das seien nicht die einzigen Tritte, die in diesen Tagen verteilt würden, wenngleich im geschichtlich gesehen es durchaus gefiele, wenn mehr getreten, denn geschossen würde, so nähmen all die Tretereien in diesen Tagen wahrlich Oberhand und er könne er gar nicht mehr ertragen, irgendeine Neuigkeit zu erfahren, in der darüber berichtet würde, wer gerade abträte, zurückträte oder vorträte, um etwas zu sagen, wofür sich das Zuhören gar nicht lohne. Überhaupt nicht lohne. Er selbst habe schon vor geraumer Zeit einmal gesagt, dass jeder auf der Stelle träte und es daher überhaupt keinen Sinn mache, etwas zu bewegen, wenn man sich selbst nicht bewege. So wie man sich selbst etwas glauben müssen, um es andere glauben zu lassen. So wie man sich selbst verkaufen müsse, um anderen etwas zu verkaufen. Und so wie man sich selbst lieben müsse, damit andere einen lieben könnten. Aber niemand würde sich selbst treten, damit andere ebenfalls träten, da kämen viel zu viele aus dem Tritt und gerieten ins Stolpern. Aber das sei eben auch eine Eigenschaft der Menschen, dass sie immer alles treten müssten, um sich davon zu befreien: Hunde, Katzen und auch Insekten, um Gottes Willen vielleicht auch Bälle oder echte Lebewesen, die im Gegensatz zu Tieren eben auch Menschenrechte hätte, die es zu schützen gälte, die dann aber ebenfalls mit Füßen getreten würden. Er habe schon vor langer Zeit, so der junge Mann um die 40, er habe schon vor langer Zeit dafür plädiert, dass jeder zum Geburtstag, also zum eigentlichen Geburtstag kurz nach dem Verlassen der Vagina, einen großen Luftballon geschenkt bekäme, mit dem er Schweben könne, sodass ein Tritt gar keinen Sinn mehr mache, weil die Füße schließlich keinen Kontakt zum Boden oder anderen Dinge hätten. Daraufhin hätten all seine Freunde sich die Hand vor dem Kopf geschlagen und die Augen verdreht, weil sie gleichzeitig der Meinung waren, so etwas wäre Unsinn. Aber er habe immer nur ausgerufen, dass der Ballon lediglich groß genug sein müsse, dann würde er den Menschen schon erheben, was zum einen im Sinne des eigenen Ichs sei, wenn man sich über die Dinge erhebe und über ihnen stünde, zum anderen wäre es aber auch ein gewaltiges Schauspiel, jeden Tag Millionen von Menschen am Himmel zu sehen, die gemeinsam einfach so vor sich hinschwebten. Aber, hätten daraufhin all seine Freunde wiederum fast gleichzeitig gerufen und dabei wieder die Augen verdreht, jemand müsse doch auch für die Verpflegung sorgen, dann müsse es auch jemanden geben, der arbeite, es würde ja alles gar nicht funktionieren und wenn jeder irgendwo schwebe, dann gäbe es auch keine Grenzen und niemand wisse mehr, wo er sich befände und dann hätten Menschen ja auch noch Bedürfnisse, die einerseits befriedigt, andererseits gestillt und drittenteils – er habe allerdings sofort angemerkt, dass es dieses Wort nicht gebe – auch noch verrichtet werden müsse, was in der Luft wohl kaum möglich sei. An dieser Stelle habe er, der junge Mann um die 40, einen kurzen, wirklich sehr kurzen Moment gelächelt und triumphierend in die Runde geblickt. Dann, nach einer kleinen Kunstpause, habe er mit einem sehr ernsten, aber wirklich gut gemeinten Gesichtsausdruck erklärt, dass der Mensch sich grundlegend ändern müsse und dass ein Schweben überhaupt erst der Anfang sei, um das All zu bevölkern, denn irgendwann würde man sich von so Kleinigkeiten wie Sauerstoff, Harndrang, Geld oder der Fortpflanzung einfach trennen, weil es eben wichtigere Dinge. In diesem Moment sei dann Stille eingetreten und seine Freunde seien, einer nach dem anderen, kopfschüttelnd aufgestanden, hätten ihm noch einmal tief in die Augen geblickt und seien dann wortlos, aber immer noch kopfschüttelnd aus dem Zimmer gegangen. Und er habe immer noch lächeln müssen, weil er im Geiste überall Ballons habe schweben sehen, die dafür gesorgt hätten, das jeder von ihnen zwar die Bewegung des Gehens vollzogen habe, tatsächlich aber schwebend durch den Raum geglitten sei. Dies habe ihn wiederum an einen Vorfall erinnert, bei dem er selbst an mehreren Ballons hängend von einem Dach geglitten sei, weil ihm dieser Ort als geeignet erschien, um sich selbst zu etwas Höherem berufen zu fühlen. Leider habe aber wohl die Thermik als auch er Inhalt oder die Anzahl der Ballons ein Schweben unmöglich gemacht, weswegen er nach recht kurzer Zeit auf den Boden geprallt wäre, um im selben Moment wie ein Gummiball wieder in die Höhe zu schnellen, weil er auf das Trampolin eines Nachbarn gefallen sei, was er aber gar nicht beabsichtigt habe. Er habe dann in einem unbedachten Moment die Ballons losgelassen und sei dann ungebremst auf einige Betonplatten gestürzt, habe dabei aber immer wieder darüber nachgedacht, ob bei einem entsprechenden Aufwind ein Fall nicht vielleicht doch gemildert hätte werden können. Und deswegen habe er damals all die Ballons der Zweifler, die kopfschüttelnd sein Zimmer verließen, mit einer imaginären Nadel zerstochen. Imaginäre Ballons mit einer imaginären Nadel zerstochen. Das habe zwar in der Realität keine Folgen gehabt, hätte aber dazu geführt, dass für ihn diese Freunde gestorben seien, was es ihm um ein Vielfaches erleichtert habe, diese einfach und ansatzlos zu vergessen. Man habe ihn allerdings auch schon damals aufgefordert, von seiner haltlosen These, die er dann nämlich an die Türen des Gymnasiums geschlagen habe, von diese haltlosen These des Schwebens zurückzutreten. Aber er, so der junge Mann um die 40, habe sich nicht beirren lassen, sondern statuiert, jawohl er habe statuiert, dass man nur zu einer gemachten Aussage stehen müsse und notfalls eben die Konsequenzen tragen müsse. Und so müsse es eben auch heute sein, wenn Menschen feststellten, dass sie mit ihren Aussagen oder Handlungen einen großen Fehler begangen hätten, dann müssten sie dennoch dazu stehen oder eben so verfahren, wie man es zu seiner Zeit noch getan habe: Irgendjemand legte dem Herren still eine Pistole auf den Tisch und dann schloss man die Tür. Das täte sicher auch den Menschen wie Wulff, Guttenberg, Kohl, Schröder oder wem auch immer ganz gut, aber dieses ständigen, unaufhörlichen Tretereien seien eine Unverschämtheit, die er, ein politisch unwissender Mann um die 40, einfach nicht mehr tolerieren könne. Dabei sei es aber auch möglich, den Herren dezent einen imaginären Luftballon in die Hand zu drücken. Und all die Umstehenden könnten nun die imaginären Nadeln zücken und diesen Menschen in Gedanken sterben lassen. Denn schließlich, und das sei durchaus erwiesen, habe eben alles im Kopf seinen Ursprung und davon könne eben auch niemand zurücktreten.

Dieser Tag fällt unter dieselbe Kategorie wie der gestrige, ich betitele ihn schlicht mit einem »Argh«, wobei die Familie der Makler sich durchaus mal wieder in der Verantwortung sehen darf. Ehrlich. An verlorene Emails glaube ich nicht mehr, das geschieht im Grunde genommen nur, wenn der Versender oder der Empfänger blöd ist, die Rechner machen keine Fehler. Aber, bitte, vielleicht wird ja doch noch alles gut, dann beschneide ich den Tagestitel auf ein »A«, was ja auch noch möglich wäre. Aber bislang bleibe ich beim »Argh«, lächle aber trotzdem und freue mich auf den Auftritt heute Abend. So einfach. Und dann sehe ich mal weiter, was bei so einer klaren, kalten Luft ja auch kein Problem ist. Schön. Aber auch kalt.

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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Auftritte

Das Kabel in der Welt

D. saß in seinem Labor und betrachtete die Anordnung der Versuchsobjekte. Er hatte tagelang berechnet, wir es funktionieren konnte, aber Theorie und Praxis lagen trotz genauester Berechnungen oft meilenweit auseinander. Wenn es jetzt gelänge, das Licht weiter zu bündeln, dann wäre das im wahrsten Sinne ein Durchbruch. Wenn es nicht funktionierte, dann wäre es auch möglich, dass in diesem Moment alles endete. Weiterlesen...

»Lassen Sie denen doch die Kameras wegnehmen«, sagte Krüger.

Der Kommissar zuckte nur mit den Schultern: »Denen kann ich sie wegnehmen, aber den Menschen in der Menge nicht. Ich wette, das Bild von der Hauswand ist schon bei Twitter und Facebook gelandet. Wir müssen nur verhindern, dass es in einer Zeitung, im Radio oder im Fernsehen erscheint.«

»Aber ...«, versuchte Krüger ihn zu unterbrechen.

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»So viel Zeit muss sein«, sagte Frank und ging zur Zeugin, stellte sich vor. »Was haben Sie denn gesehen oder gehört?«

»Gestern Abend habe ich eine Frau gesehen, die mit dem Mann von da oben zusammen ins Haus gegangen ist. Lange blonde Haare, nicht unbedingt zierlich, aber auch nicht dick, eine Jeans und einen Pullover hatte sie an und so komische Stiefel ...« Weiterlesen...

Die Vier sahen ihn ungläubig an: »Einen Zeugen?«, fragten Kapellke und Schmidt unison und blickten dann etwas irritiert zueinander. »Ich weiß auch nicht mehr«, sagte Frank, »aber wir rücken jetzt ab. Das Versiegeln des Tatorts können die Kollegen hier übernehmen.« Weiterlesen...

Sie wirkte nicht nur nachdenklich, sie war es auch. Zum einen zweifelte sie ohnehin schon an ihren Fähigkeiten, weil sie im Verlauf des Falles nichts zur Aufklärung hatte beitragen können, zum anderen glaubte sie wiederum auch nicht daran, dass jemand von außerhalb mehr bewirken konnte als sie. Es standen einfach nicht genug Informationen zur Verfügung, um irgendetwas Hilfreiches sagen zu können, da würde auch ein Spezialist aus den USA nicht viel bewirken. Sie verzog den Mund kurz zu einem trotzigen Halbmond, gab sich aber schon fast im selben Moment Mühe, entspannt und gleichgültig zu wirken. »Vielleicht«, sagte sie dann noch einmal, »vielleicht bringt es etwas.« Weiterlesen...

Das Kabel in der Welt