Peters Wege

Schnee in dirMeinen Freund Peter zu treffen, ist wirklich nicht so einfach. Das liegt in erster Linie daran, dass Peter keine Uhr sein Eigen nennt, das Mobiltelefon benutzt er im Grunde genommen gar nicht und zu Hause gibt es ebenfalls nichts, was die Zeit messen könnte. Aber letztlich ist die Sache mit der Zeit auch gar nicht das Hauptproblem, denn Peter macht keine Verabredungen. »Das Leben ist ein einziges Verpassen von Möglichkeiten«, behauptete er schon beim ersten Mal, als wir uns begegneten. Zufällig, keine Frage, denn ich war auf dem Weg zum Finanzamt, als wir beiden mit voller Wucht und gesenkten Köpfen auf offener Straße kollidierten. Nach den anfänglichen Schwierigkeiten und Kopfschmerzen entwickelte sich anschließend aber genau das, was ich heute als Freundschaft bezeichne.
Dass wir uns trotz unterschiedlicher Wege und Gewohnheiten doch immer wieder treffen, grenzt für mich an ein Wunder. Wenn ich ihn zu Hause besuche, ist er in der Regel nicht da, wenn ich in seiner Stammkneipe auf ihn warte, taucht er niemals dort auf, und wenn ich mich an die Nummer seines Mobiltelefons erinnere, dann ist dort immer besetzt. Doch während eines unfreiwilligen Urlaubs in Australien stolperte ich mitten im Outback über seine Beine und er behauptete, erst vor wenigen Minuten eingeschlafen zu sein, beschwerte sich zunächst über den überraschenden Weckdienst, nahm mich dann aber herzlich und sehr intensiv in den Arm. Die Freude war ganz auf meiner Seite, wenngleich ich die Umstände als seltsam empfand, weil ich tagelang außer keinen anderen Menschen gesehen hatte und es in meinen Augen schon ein arger Zufall war, mitten in der Wildnis auf ihn zu treffen. Als ich drei Jahre später etwas gedankenverloren in einer kleinen Bar in Buenos Aires einen Kaffee und ein Glas Wasser bestellte, sah ich in zwei glänzende braune Augen, die ich zunächst nicht einordnen konnte. Als Peter mich dann überschwänglich umarmte, erklärte er mir rasch, dass er nur hier sei, um eine alte Bringschuld seines Vaters abzuarbeiten, und jetzt nicht viel darüber reden könne. Es sei aber alles nicht so schlimm, wie es zunächst klänge.
Meine Versuche, mich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit mit Peter zu verabreden, scheiterten immer wieder an seiner Maxime und an seinem Fehlen von jeglichem Zeitgefühl. Doch als ich schließlich einige Monate später in einem kleinen Dorf in Usbekistan, das ich eher zufällig passierte und nur aus technischen Gründen dort Station machen musste, wurden mir Peters Begegnungen unheimlich. Er stand dort eher spärlich bekleidet und mit einer Gitarre vor dem Bauch, spielte mir unbekannte Volkslieder und wirkte ein wenig traurig. Damals wusste ich nicht, wie glücklich er in solchen Momenten in seinem Innern war, wollte mich schon daran machen, ihn aufzuheitern, doch als er mich sah, legte er die Gitarre ab, umarmte mich und drückte sich intensiv an mich. »Diese Begegnungen mit dir sind kleine Feste«, sagte er damals und beschrieb mir dann seine abenteuerliche Reise durch den Osten und dass er hier darauf hoffe, mithilfe der Straßenmusik genug Geld zu verdienen, um wieder etwas weiter in den Westen zu gelangen. Ich sprach ihn daraufhin an, stellte ihn zur Rede ob dieser Absurditäten, die immer wieder Pate standen, wenn wir uns trafen. Ich versuchte in wenigen Sätzen zu erklären, wie überaus merkwürdig und fragwürdig diese Zufälle seien, die uns zusammenführten. Aber ich scheiterte an meinem Wortschatz und brach eine Rede vom Zaun, die sicher mehr als zehn Minuten dauerte, doch mein Zeitgefühl mag mich in der Erinnerung täuschen. Für einen Moment blieb es dann still, was in dem einsamen, kleinen Dorf, in dem wir uns befanden und das ich auf keiner Landkarte wiederfände, sicher nicht ungewöhnlich war. Peter lächelte. Dann nahm er die Gitarre wieder auf, legte sich den Gurt über die Schultern und nickte mir zu. »Wenn sich Flugzeuge in der Luft treffen, ist das nicht schön, wenn sie sich verpassen, dann ist es gut. Bei Menschen ist es eben anders, nur sollten wir dabei nicht immer alles infrage stellen.« Dann begann er die Saiten zu zupfen und sang in einer mir unbekannten Sprache.
Ich gab mir Mühe, so zu tun, als hätte ich ihn verstanden, haderte aber noch immer mit den Gedanken, die er mir eingepflanzt hatte. Treffen und Verpassen, Katastrophen und Glücksfälle, dieser Vergleich mit einer Flugzeugkollision erschien mir ebenso befremdlich wie alles andere, was mich zu diesem Zeitpunkt mit dem Mann verband, den ich immer dann traf, wenn es unmöglich erschien, überhaupt einen Menschen zu treffen. Bevor ich mich zum Gehen wandte, weil ich mich schließlich auch noch um den defekten Kühler meines alten Wagens kümmern wollte, unterbrach Peter sein Singen, zupfte aber weiter leise auf den Saiten herum. »Sie es einmal so«, sagte er leise: »Es ist gut, dass ich kein Flugzeug bin.« Dann drehte er sich um neunzig Grad, schmetterte ein tragisch klingendes Lied, machte lange, raumgreifende Schritte und ich verlor ihn nach wenigen Minuten aus den Augen. Aber damals begriff ich auch, dass Peter immer da sein würde, auch wenn es unwahrscheinlich oder unmöglich erschiene. Und fast glaube ich, dass Peters Satz mit dem Verpassen von Möglichkeiten nur ein Trick war, um mich vom Wesentlichen abzulenken: der Intensität vom Erleben des Augenblicks.

Es gibt noch Hoffnung. An einigen Tagen. Und wenn der Schnee fällt und liegen bleibt, dann glaube ich an das Gute. Ehrlich.

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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