Kaufen oder schenken

MützenmacherEs sei ja eine Unverschämtheit, so der junge Mann um die 40, dass man ihm, einem durchaus aufgeschlossenen Mitmenschen, permanent und vor allen Dingen an allen Orten etwas verkaufen wolle. Gerade an in einem Haus wie diesem, in einer Kirche, wo doch Gott aus- und einginge. Dabei sei er, und das wäre schließlich allgemein bekannt, gar kein Hausbesitzer und könne mit einem im Prospekt beschriebenen Kamin rein gar nichts anfangen, das Haus neu einzudecken käme selbst in Absprache mit dem Vermieter gar nicht infrage und schließlich, das müsse er zugeben, fehle es zu allem Unbill auch noch am nötigen Kleingeld. Aber nichtsdestotrotz, welches im Übrigen eines der Worte sei, die er am wenigsten möge, aber am häufigsten gebrauche, was wiederum eine unglückliche Kombination sei, nichtsdestotrotz würde er fortwährend angesprochen von Menschen, die ihn weder optisch noch intellektuell ansprächen, aber ihm immer wieder etwas verkaufen wollten. Mal sei es Käse, mal sei es ein Abonnement für eine Zeitung, mal solle er sich einen Teil des Regenwaldes aneignen und hin und wieder käme es sogar vor, dass ihm jemand seinen Körper wohlfeil böte, aber er wolle nichts von alledem, er kaufe gar nichts mehr, auch nicht, wenn es noch so wundervoll röche oder die Eigenschaften so einmalig seien, dass man sie durch nichts anderes ersetzen könne. Er kaufe auch keine Grundnahrungsmittel mehr, er kaufe keinen Strom und auch kein Wasser, keine Möbel und keine Elektronikgeräte zu vergünstigten Konditionen mit Rabatten, keine Süßwaren mit verbesserter Rezeptur und auch keine Soßen mit zehn Prozent mehr Inhalt, er kaufe ab sofort wirklich niemandem mehr etwas ab. Das beruhe zudem auch auf Gegenseitigkeit, weil ihm eine junge Frau kürzlich gesagt habe, dass sie die Gefühle, von denen er als junger Mann um die 40 immer wieder spräche, dass sie diese Gefühle ihm nicht abkaufe, weil sie davon ausginge, dass sie weder aufrichtig noch einen Preis wert seien, den sie bezahlen müsse, aber gar nicht wolle. Und das, so habe der junge Mann um die 40 dann ausgerufen, und das ginge ihm ebenso so, allerdings mit Kaminen, mit Kuchen und Käse und auch mit dem Teil des Regenwaldes, der zwar erhaltenswert sei, den er aber gar nicht kaufen wolle, weil er ihm entweder gar nicht gehören könne oder schon längst gehöre. Dabei sei ja sie, also die Frau, von der er im Grunde genommen gar nichts wolle, sondern lediglich Gefühle für sie im Angebot habe, die er gar nicht zum Verkauf, sondern zum Verschenken so herausgeputzt habe, dabei sei sie ja ein Mensch, der einen anderen besitzen wolle. Wobei ja niemand einem anderen Menschen gehöre, auch wenn alle Menschen zueinander gehörten. Wirklich alle. Nichtsdestotrotz sei es eben aber unmöglich, sich zu verkaufen oder jemanden oder irgendetwas als Besitz zu bezeichnen, das sei eben eine Unart des Menschen, der immer alles haben wolle. Meistens Flachbildfernseher, die sowohl HD als auch 3D und vor allem mit einer Ratenzahlung daherkämen. Aber dann käme immer die Sache mit dem Wertverlust, weil ja ein gekauftes Auto schon bei der Übernahme nur noch die Hälfte wert sei, ein Fernseher verhielte sich ähnlich, und wie es mit einem Käse sei, wolle er gar nicht wissen. Und wenn er seine Gefühle irgendwann einmal so weit habe, dass man sie ihm abkaufen würde, dann böte er günstige Leasingverträge an, sodass man alles nach Ablauf einer gewissen Zeit wieder zurückgeben könne. Eine Ehe habe dann auch eine ganz andere Laufzeit, schließlich nutze sich dort auch alles ab, der Wertverlust eines Menschen, der so einen Vertrag abgeschlossen habe, sei immens. Abgekaufte Gefühle könne man so problemlos zurückgeben, wodurch der gezahlte Preis dann auch zu einem Teil wieder zurückgefordert werden könne. Wobei ihm das nicht Abkaufen von Gefühlen ja auch schon häufiger widerfahren wäre, die junge Frau sei kein Einzelfall. Männer, Hunde, kleine Vögel und auch namenlose Insekten hätten ihm in einer Zeit, in der er sich fast ausschließlich von Kaffee ernährt habe, all seine Gefühle nicht abgekauft, was zu einem fast schon desaströsen Kontostand geführt habe. Deswegen, und wohl auch nur deswegen ginge es nun wohl auch den Griechen so schlecht, weil sie ja als emotional unzugänglich gelten, während die Schweizer und Luxemburger sich alles und wohl vor allem auch ihre Gefühle gut bezahlen ließen. So vermute er. Anders sei Reichtum heute gar nicht mehr zu erklären, alles müsse sich verkaufen lassen, weswegen er nun einen ganz anderen Weg gehen wolle. Ab sofort habe er damit begonnen, alles zu verschenken. Auch die handelsüblichen Dinge, die sonst für teures Geld erworben werden müssten wie ein Lächeln, Respekt oder Frieden, wolle er nun einfach verschenken und das Ganze mit interessanten Boni garnieren. So wäre es eben möglich, einer Frau die aufpolierten Gefühle der Liebe zu schenken und als Bonus einen Kamin oben draufzusetzen. Möglich wäre auch eine Kombination aus Respekt und dem Jahresvorrat an Vogelfutter oder etwas Mitleid gepaart mit einem Flachbildfernseher. Doch da bislang niemand, wirklich niemand Interesse an einer solch bahnbrechenden Änderung des Wertesystems bekundet hätte, müsse er sich eben weiterhin an jeder Ecke von heruntergekommenen, ehrenamtlichen Helfern ansprechen lassen, um Produkte zu kaufen, die er gar nicht benötige. Es sei eben eine Unverschämtheit, was einem jungen Mann um die 40 alles so angeboten würde, zumal sein Bedarf an Liebe auf Lebenszeit gesichert sei, weil er sich einen Gott ausgesucht habe, der auf Bezahlungen komplett, wenn nicht gar vollends verzichte. Aber das sei eben auch eine Eigenart der Menschen, wenn man Häuser für einen Gott baue und dann Steuern erhebe, um deren Erhalt zu sichern. Mit Liebe, Respekt und Kaffee sei auch das möglich, wenn man es denn alles zusammen im Paket verschenke. Inklusive einer Vorratspackung, die nun 20 Prozent mehr vom heiligen Geist und der Dreifaltigkeit enthalte.

Momentan ist es anstrengend. Wirklich. Und wenn mir noch einmal jemand sagt, dass er mich auf jeden Fall anruft, dann rufe ich Richard von Bargen herbei. Ehrlich.

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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