Peters Wohnung
Die Wohnungstür bei meinem Freund Peter steht immer offen. Jedes Mal, wenn ich ihn besuche, wundere ich mich erneut darüber, dass jemand, der in einem großen Mietshaus lebt, seine Tür nicht nur unverschlossen, sondern auch noch offenstehen lässt. Als ich ihn dann kürzlich tatsächlich mal danach fragte, warum er denn nie seine Tür schließe, zuckte er mit den Schultern, ließ den Blick langsam durch die Wohnung schweifen. Schließlich, ich hatte das Gefühl, eine Ewigkeit sei vergangen, nickte er mir zu und zeigte auf die Tür, genauer gesagt: auf das Schloss. Oder zumindest dorthin, wo ein Türschloss sein sollte. Nun war ich an der Reihe, mit den Schultern zu zucken: »Gut, momentan kannst du die Tür nicht einmal schließen, aber ein Schloss zahlt doch der Vermieter? Hier kann doch jeder rein und raus und dir die ganze Wohnung ausräumen.« Peter sah mich an und lächelte. Und ich weiß, dass er in der Regel nur dann lächelt, um die innere Traurigkeit zu überspielen, aber vielleicht war es ja in diesem Fall anders. »Was können sie mir denn nehmen? Das Klammern an Besitz ist etwas, das gar nicht mehr in diese Zeit gehört.« Nachdenklich sah ich mich in der Wohnung um.
Es gab nur ein Zimmer, in dem ein Bett stand, ein kleiner Schreibtisch mit einem Rechner und einem Monitor, ein Schrank, von dem ich wusste, dass Peter darin seine Kleidung aufbewahrte, auf dem Fensterbrett standen zwei Blumentöpfe ohne Inhalt und neben dem Bett eine große Menge von Büchern, die in vier großen Stapeln aufgetürmt waren. Viel gab es hier wirklich nicht zu holen, Peter besaß nichts, für das sich ein Einbruch lohnen würde. Ich sah vor meinem geistigen Auge die Wohnung, in dem ich lebte und überlegte, was mir fehlen würde und ich ertappte mich dabei, nichts von dem, was dort herumstand, wirklich loslassen zu können. Alles hatte seinen Platz, alles hatte seine Bedeutung, alles hatte so viel Gewicht, wie ich nicht glaubte, mit mir tragen zu können, weshalb das alles in meiner Wohnung stand. All die alten Tagebücher, die Schallplatten, die ich gar nicht mehr hören würde, Briefe ehemaliger Freundinnen und bergeweise Fotos sowie ein Haufen Daten auf zwei Rechnern, die zwar aus Einsen und Nullen bestanden, aber doch so viele Worte in sich trugen. »Aber wenn jemand nachts, während du schläfst, in die Wohnung kommt und dir ...« Ich hatte den Satz wirklich beenden wollen, aber Peter hob die Hand und sah mir in die Augen, wirkte dabei wie ein Magier aus einem Film, der eine Flutwelle zum Stoppen bringt und dabei nicht einmal mit der Wimper zuckt. »Ich sage es noch einmal«, sprach Peter mich ruhig und eindringlich an: »Was können sie mir denn nehmen?« Es war schwer vorstellbar, dass Peter nicht am Leben hing, schließlich hatte es schon genug Möglichkeiten für ihn gegeben, alles einfach und auch ein wenig dramatisch zu beenden. Doch weder die Sache mit der Badewanne, noch die Geschichte damals im Flugzeug oder die seltsamen Ereignisse während des Orkans hatten meinen Freund Peter in irgendeiner Weise dazu bewegt, das Leben einfach wegzuschenken. »Weißt du«, sagte Peter leise, »ich bin so offen wie meine Wohnung, täglich strömen mehr Bilder, Worte und Gerüche in mich hinein, aber es geht niemals etwas verloren. Und ich glaube, dass das mit allem so funktioniert.« Dann wandte er sich ab, ging zu seinem Bett, setzte sich auf das Kopfkissen und starrte aus dem Fenster auf die Welt da draußen. Vielleicht war es auch genau andersherum, bei Peter konnte ich schon damals nicht wissen, was wirklich geschah. Aber jedes Mal, wenn ich ihn besuche, wundere ich mich darüber, dass seine Tür offen steht und noch immer alles da ist, was er sein Eigen nennt. Und ich frage mich, ob ich an meiner Tür nicht auch das Schloss entfernen sollte. Peters Antwort kann ich mir denken, ich selbst bin unsicher, doch das bin ich in seiner Gegenwart immer.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.