Für die Revolution
Es sei ja eine Unverschämtheit, so der junge Mann um die 40, dass sich plötzlich alles, wirklich alles um Revolution drehe. Überall und allerorts spräche man von nichts anderem mehr, alles sei im Umbruch, ja, er habe sogar das Gefühl, dass sich auch die Tierwelt eine eigene Revolution zusammenbastele, wobei er nicht genau sagen könne, welche Ziele dort verfolgt würden, weil es bislang keine schriftlichen Erklärungen gäbe, und er tierisch gar nicht sprechen könne. Aber so sei es eben in der Welt: Eine Ansammlung von seltsamen Rassen und Sprachen, die alles umstürzen wollten, um etwas Neues zu bauen. Dabei könne man doch durchaus auch ganz anders verfahren.
Das sei auch die Meinung seines besten Freundes, der an dieser Stelle aber nicht namentlich erwähnt werden wolle, weil er gerade an einer revolutionären Sache arbeite, die alles, ja wirklich alles auf den Kopf stelle und er deswegen nicht in das Fadenkreuz all der unzähligen Ermittler geraten wolle, die doch alles immer ergründen und schließlich auch begründen müsste, weswegen dieser Freund nun wirklich und leibhaftig und am liebsten abgetaucht sei. Aber es sei doch schon sehr seltsam, dass nun an jeder Ecke Schilder, Plakate und Spruchbänder prangten, die öffentlich zur Revolution aufriefen. Ob nun beim Buchen eines Hotels, beim Essen eines Joghurts oder beim Design eines neuen Wagens, plötzlich sei nun alles der Start für eine Revolution, was im Grunde genommen ja gar nicht so schlimm wäre, weil es ja lediglich hieße, dass nun endlich ein Umbruch stattfände. Beim Joghurt, beim Bau von Automobilen oder dem Buchen eines Hotelzimmers. In diesem Sinne sei es also ein Segen, dass nun endlich mal wieder eine Revolution ins Haus stünde, schließlich sei es an der Zeit, dass nun endlich mal wieder Köpfe rollten und das Volk auch das bekäme, was es wirklich verdiene. Wenngleich in diesem Zusammenhang, so empfände er es zumindest, immer die falschen Menschen den Kopf verlören, um ihn anderen abzuschlagen. Aber, so sprach der junge Mann um die 40 weiter, es sei dennoch im höchsten Maße verwunderlich, dass bei all diesen revolutionären Ankündigungen, ein Joghurt noch immer nach Joghurt schmecke, ein Automobil noch immer Benzin und nicht etwas Wasserdampf verbrauche, so wie ein Hotel immer nur ein Hotel bliebe, ganz gleich, wie diese Revolution ausfiele. Deswegen habe er eine vollkommen eigene Art der Revolution entwickelt, bei der es darauf ankäme, sich selbst zu enthaupten und anschließend eine neue Staatsform auszurufen. Dieses könne durchaus in Verbindung mit der Verköstigung eines Joghurts kombiniert werden oder auch in einem Hotelzimmer geschehen. Deswegen habe er sich heute Morgen bereits in einem Hotelzimmer in der Nähe von Schwerin gedanklich enthauptet und immer wieder gerufen: »Ein Kaiser, ein Königreich für einen Kaiser.« Jedoch habe man ihm nicht den gebührenden Respekt für diese Tat entgegengebracht, sondern der Portier habe ihn nach einigen Diskussionen, in denen es auch um die allgemeine Situation des deutschen Fußballs ging, mit zahlreichen Tritten ins Freie befördert. Auf diese Weise sei die Welt nicht zu retten, habe der junge Mann um die 40 immer wieder ausgerufen, weil bei einer Revolution doch immer alle mitmachen müssten, andernfalls gingen sie unter. Es habe sich aber umgehend eine Menschentraube gebildet, weil der Portier zu allem Überfluss auch noch geschimpft habe. Wie ein Nebelhorn, habe der junge Mann um die 40 gedacht, wie ein Nebelhorn. Dabei habe er es doch nur gut gemeint, als der den Joghurt überall im Hotelzimmer verschmierte und er habe schließlich auch davon abgesehen, einen Wagen im Foyer zu parken, um auf die endlosen Wartezeiten in der Hotelhalle hinzuweisen. Das wäre revolutionär gewesen, aber er habe sich stattdessen darauf beschränkt, sich gedanklich zu enthaupten und den Joghurt fachgerecht und in feinen Lagen überall im Hotelzimmer zu verteilen, weswegen er ja auch zuvor dieses Milchprodukt, gegen das er im Übrigen auch allergisch sei, zuvor in Kisten und Kartons herangeschleppt habe, weil er es ja auch nur gut meine. Als Kind habe er hingegen einmal in dem Heim, in dem er aufgewachsen werden musste, alle Wände mit Kot beschmiert und darauf bestanden, dass nur der Heimleiter, von dessen Führungsqualitäten er in jungen Jahren nicht zwingend überzeugt gewesen war, dass nur der Heimleiter dieses Treiben stoppen könne, wenn er selbst die Reinigung übernähme. Dieser revolutionäre Akt sei ebenfalls nicht gebührend gewürdigt worden, im Gegenteil: Man habe ihn mit Strafarbeiten jeglicher Art überschüttet, was einer Enthauptung zumindest durchaus nahe gekommen sei, dafür habe aber der Heimleiter genauer hingehört, wenn er, der damals noch junge Mann um die 60 Monate, etwas gesagt habe. Fast sei er so eine Art graue Eminenz gewesen, intern habe man ihn sogar als braune Eminenz bezeichnet. Aber er habe sich damals so sehr bemüht, dass es nun eine Unverschämtheit sei, immer und überall eine Revolution starten zu wollen, ohne sich dabei wirklich schmutzig zu machen. Denn das habe er damals gelernt, so der junge Mann um die 40: Um einen Neubeginn zu wagen, müsse man eben auch im Dreck wühlen, mit Hotels, Joghurts und Autos lasse sich die Welt eben nicht erneuern.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.