Das Hamburger Problem

VorbeifließenEs regnet. Ich spüre jeden Tropfen auf der Kleidung, was unter anderem auch daran liegt, dass ich meine Aversion gegen Jacken oder Utensilien wie Regenschirme immer noch nicht überwunden habe. Zum Glück ist es bereits dunkel, sodass ich das Elend meines durchnässten Zwirns nicht sehen muss. Immerhin trage ich ein Jackett, weil ich mir dachte, dass ich so etwas mehr Eindruck mache. Kleider machen Leute und ein Jackett ist das einzige Kleidungsstück, das in meinen Augen noch nicht als Jacke durchgeht und auch noch kleidsam ist. Im Regen ist so etwas aber gleichgültig, nass wird alles. Und das, obwohl ich mich jetzt unter das Vordach des Hauseinganges stelle, um zumindest ein wenig besser geschützt zu sein – aber ich habe den Wind nicht einkalkuliert, der die Tropfen munter zu mir bläst.

Neben mir steht ein Paar, ebenfalls durchnässt und sie zittert sich in einem viel zu kurzen Rock warm, während er in einer modischen, wattierten Jacke wohl auch in der Antarktis überleben könnte. Wenn er dort mal hinkäme. Ich war dort ebenfalls noch nie, ich will da auch nicht hin, ich habe aber auch keine Jacke. Gar keine Jacke. Die Uhr, die mir jetzt fehlt, wird durch das Schlagen einer Glocke ersetzt. Sechs Schläge. Ab jetzt ist die Dame zu spät. Eine junge Frau steht mit einem Schirm ein wenig Abseits, kein Schiri pfeift. Ich auch nicht, weil ich zum einen Schirme nicht mag, zum anderen finde ich sie unsympathisch. So etwas kommt vor. Meistens liegt es daran, dass jemand raucht oder falsche Versprechungen macht. Sekunden verstreichen und ich kann an nichts anderes denken, als daran, dass die Frau, die den Termin gemacht hat, zu spät kommt. Das ist respektlos, aber so geht sie eben mit uns allen um – und sie ist nicht die Einzige, die das tut, es gibt Heerscharen von ihr, der Oberbegriff lautet: Immobilienmakler. Blutsauger, die für das Kopieren und Inserieren Tausende von Euro kassieren, dafür unhöflich, unpünktlich und unverschämt sind. Ich ertrage das mit heiterer Gelassenheit, während der junge Mann im Arm seiner Freundin seufzt, dass es nun schon zehn Minuten nach sechs sei. Als ich einwerfen möchte, dass kein Makler das akademische Viertel unterschreitet, taucht sie wie aus dem Boden gestampft auf. Der Teufel hätte den Auftritt nicht besser inszenieren können, vielleicht ist er es persönlich. Kein Wort der Entschuldigung, kein Wort über das Wetter, sie kommt gleich zur Sache und zitiert uns in den dritten Stock. In der Wohnung schwafelt die Dame über die Vorzüge dieser vier Wände, wobei ich mir die Frage erspare, wo denn eine Waschmaschine eingebaut werden könne, weil weder Küche noch Bad genügend Platz bieten. Ich schweige auch aus dem Grund, weil sie mich mit einer Mischung aus Spott und Skepsis von oben bis unten mustert. Als ich sie trotzdem um eine Selbstauskunft bitte, sagt sie etwas kühl, dass die Wohnung nur an solvente Mieter gegeben werden solle. Ich denke mir meinen Teil und fülle das Formular aus, während weitere Interessenten in die Wohnung strömen. Einer erkennt mich und befragt mich nach dem zweiten Teil des neuen Romans, ich wimmle ihn unter dem Vorwand ab, dass ich mir das Schreiben wohl nicht mehr leisten könne, falls ich in die Wohnung ziehen würde. Die Maklerin mustert mich wieder mit dieser seltsamen Mischung aus Spott und Skepsis, ich antworte mit einem Lächeln und reiche ihr den Bogen Papier. Sie verspricht, sich am Montag zu melden, es soll ein Kontrollanruf sein, ob von meiner Seite überhaupt noch Interesse besteht, weil sich ja immer alles ändern kann. Ich nicke und sage nichts weiter. Auch nicht in dem Moment, in dem sie darüber staunt, dass ich das Formular mit einem Füller beschrieben habe. Am liebsten würde ich meine nasse Kleidung über ihrem Kopf auswringen, aber ich bin ein höflicher Mensch und verlasse die Wohnung.
Am Montag ruft mich niemand an. Wirklich niemand. Das macht es für mich leicht, daran zu glauben, dass die Maklerin nicht durch ein Besetztzeichen davon abgehalten wurde, mich zu erreichen. Aber ich bin auch Meister darin, Dinge zu verdrängen, deswegen vergesse ich die Sache mit der Wohnung, die auch gar nicht für mich geeignet gewesen wäre, zumal es noch sehr viele andere Möglichkeiten gibt, um in Hamburg auf der Straße zu sitzen. Am Freitag klingelt mein Telefon, was durchaus nicht ungewöhnlich ist, weil das der Tag ist, an dem ich immer mit meiner Mutter rede. Die Stimme am anderen Ende ist mir unbekannt, aber die Frau erinnert mich daran, dass sie mir am Freitag eine Wohnung gezeigt hat. Ich sage, dass ich jetzt wieder weiß, wer sie ist, weil es geregnet hat und sie mehr als zehn Minuten zu spät kam. Sie sagt, dass ich für sie der Favorit bei der Wohnung bin, und ich bin erleichtert, dass dieser Status nur für die Wohnung gilt – alles andere mit ihr hätte ich strikt abgelehnt. Sie habe aber noch ein paar Fragen, denn ein geregeltes Einkommen hätte ich ja nicht. Nein, entgegne ich. Ob ich denn wirklich Schriftsteller sei, fragt sie und ich antworte, dass der Internetanbieter »Google« mittlerweile wohl vollkommen aus der Mode gekommen sei, aber im Brockhaus habe man mich eben noch nicht aufgenommen. Sie bittet mich, ihr meine Kontodaten aus dem vergangenen Jahr zuzuschicken. Ich entgegne, dass ich mit diesen Zahlen die Wohnung in diesem Jahr nicht bezahlen könne, weil das bei einem Selbständigen eben niemals sicher sei. Es bleibt still in der Leitung. Ich huste ganz laut und schrill und sage, dass mir die Wohnung nicht gefällt und ich deshalb zunächst dort bleibe, wo man mich nicht so seltsam ansieht. Mein Einkommen ginge sie nichts an, weil im Zweifelsfall immer irgendein Gott vorbeikäme und meine Schulden übernähme, weil das bei Künstlern eben so der Fall ist. Ich beende das Gespräch und stapfe nach draußen, auf dem Weg zur nächsten Wohnungsbesichtigung, zum nächsten Treffen mit einem Menschen, dem ich vollkommen egal bin und der dennoch mein Geld will. Als ich ins Freie trete, regnet es. Maklerwetter, ich weiß jetzt, warum Hamburg ein Problem hat.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

Zuletzt geschrieben

Suchen

Auftritte