Dein Plan für einen Schrank

Du warst im WaldDu hattest einen Schrank bauen wollen, einen Schrank, in dem nicht einmal Regale vorhanden sein sollten. Alles aus Holz, geschliffen, aber nicht lackiert, alles sollte nach Wald duften und ursprünglich sein. Ein Schrank, in dem die Welt Platz finden würde, ein Schrank ohne Türen und so riesig, dass auch du darin würdest stehen können, wenn die Tage kämen, an denen du lieber groß als wahnsinnig sein würdest. Jesus soll Zimmermann gewesen sein, als Tischler könntest du ihm nacheifern, beruflich wäret ihr zumindest nicht weit entfernt voneinander, und auch wenn du von Gott nicht viel hältst, so sollte auch er in diesen Schrank passen.

Werkzeuge hattest du die besorgt, alles wolltest du selbst machen, deine eigenen Vorstellungen verwirklichen und endlich mal etwas erschaffen, dass dem gerecht wird, wovon du täglich träumst. Hart gearbeitet hast du, Nacht für Nacht dir den Kopf zerbrochen, um ihn am Tage neu zusammenzusetzen und festzustellen, dass die Sache mit dem Schrank viel größer ist, als er selbst. Alles ganz leicht, so sollte es sein, aber mit jedem Millimeter Faser, das du vermessen und gesägt, mit jeder Strich deines Bleistiftes auf Papier und Holz stelltest du fest, dass es anders werden würde, als du es dir gedacht. Und plötzlich hattest du das Gefühl, Regale wären wichtig, um die Statik des kleinen Bauwerkes nicht infrage zu stellen. »Vielleicht«, so dachtest du zunächst, »vielleicht nur zwei oder drei.« Aber es wurden acht daraus. Und die großen Dinge, die würdest du dann schon quer in den Schrank legen, davon warst du überzeugt. Die Welt hattest du gesehen und du wolltest sie in Scheiben schneiden, damit alles hineinpasse, was du von ihr mitgenommen hattest, du hattest zwischenzeitlich auch so viele Menschen kennengelernt, die du wie Trophäen in die Regale stellen wolltest. Und dafür, da warst du dir sicher, dafür waren sie noch groß genug. Doch dann standest du vor dem Schrank und stelltest fest, dass die Unendlichkeit der Regale nicht ausreichen würde, um Ordnung zu halten. Schubladen, du wolltest Schubladen bauen. Aus eben diesem Holz, ganz natürlich und nur geschliffen, eine samtweiche Oberfläche, sodass sich alles und jeder wohlfühlen würde, wenn du einen von ihnen aufzögest und etwas dort hineinlegtest. Schließlich, und das wurde dir während des Baues klar, schließlich sollte alles irgendwie und irgendwo einen Platz haben. Und dann, als du die Schubladen mit wunderbaren Griffen versehen hattest, die ebenso zweckdienlich wie geschmackvoll wie weltmännisch und auch strukturiert wirkten, dann fiel dir auf, dass dieser Schrank Türen brauchen würde. Zwei schlichte Türen, die nicht viel hermachen würden, sondern für eine dezente Eleganz sorgen sollten, um ebenso geheimnisvoll wie praktisch den Abschluss des Projektes darzustellen. Das war der letzte Teil eines Planes, den du gar nicht hattest, aber nun glaubtest du, dass es so besser sei. Und du bautest dir diese zwei Türen. Sie waren glatt und du bewahrtest dich noch davor, sie zu lackieren, weil du gar nicht wolltest, dass dieser Schrank glänzt. Aber du fandest noch zwei Griffe, damit sie leicht zu öffnen wären, wenn jemand irgendwann mal vor dem Schrank stünde. Und als du die Türen zuzogst, bemerktest du das kleine Schloss, das du in die rechte Tür eingelassen hattest, der Schlüssel war klein und wog auch gar nicht schwer in deiner Hand. Lächelnd drehtest du ihn und hörtest das leise Klicken beim Schließen. Die Geräusche der Welt wurden leiser und nun war es gleichgültig, ob du die Augen geöffnet oder geschlossen hattest, es blieb dunkel in deinem Schrank mit den Regalen, in denen viele schöne Dinge standen, und mit den Schubladen, die du jetzt auf- und zuziehen konntest, um immer wieder etwas Neues dazuzulegen, was dort hineinpassen könnte.
Und auch dein Schrank liegt irgendwo in einer Schublade, du weißt es nur nicht. Du wartest schon sehr lange darauf, dass jemand kommt und die Türen öffnet. Vielleicht jemand, der einen Plan hat, um einen neuen Schrank zu bauen. Einen Schrank ohne Türen, Regale und Schubladen.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.

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