Montagsgesichter

ArminDu bist immer einen Schritt weiter in der Dunkelheit, als du es glaubst. Lautlos folgen deine Füße den Pfaden, von denen du denkst, sie nicht zu kennen, obwohl du immer wieder auf alte Bekannte triffst. Es ist wie das Familientreffen mit den Cousins und Cousinen, dem bösen Onkel und der Großmutter, die dich noch immer auf den Mund küsst und du so das Marzipan bezahlst, das dir doch gar nichts bedeutet. Wie auf einem Karussell rauscht du immer wieder an denselben Stellen vorbei, hektisch grinsende Gesichter, die dich nicht fragen, wie es dir geht, du antwortest ihnen aber dennoch und sagst dasselbe wie jeden Tag, damit sie dich in Ruhe lassen. Es sind seltsame Zeiten, in denen dir Antworten fehlen und du dich davor fürchtest, den Mund zu öffnen, weil du dir sicher bist, dass es nicht einmal dich selbst interessiert, was du zwischen den Sekundenbruchteilen der Angst und denen der Erkenntnis behaupten wirst. Schließlich bist du dir sicher, dass nichts von dem wahr sein kann, weil du es täglich infrage stellst. Und deshalb schweigst du selbst in dem Moment, in dem du den alles zum zweiten, zum dritten, zum vierten Mal erlebst, wenn sich alles wiederholt und du erneut dort stehst, wohin du nicht gehören willst, aber dennoch dabei bist. Wie in einem Fußballstadion, wo sie plötzlich alle aufspringen und sich in den Armen liegen, so empfindest du dein Leben. Du tust, was alle anderen machen, weil du dann nicht auffällst, wenn du sitzen bleibst und dich fragst, warum denn immer gejubelt werden muss über etwas, das dich doch gar nicht betrifft, warum du dich permanent über andere freuen sollst oder mit ihnen trauerst, wo du doch ein eigenes Leben, das von ebenso viel Glück und Tristesse gekennzeichnet ist. Verlernt hast du alles, aber jetzt befiehlst du dir, neu zu beginnen, die Zeit dafür sei immer reif, und wenn Äpfel zu Boden fallen, dann landen sie ja doch meistens auf weichem Gras. Du kappst alle Verbindungen und wartest darauf, dass etwas geschieht, doch als du dich umsiehst, tappst du wieder durch die Dunkelheit, stößt dich an denselben Ecken, stolperst über dieselben Kanten und begegnest denselben Menschen, schmeckst wieder dieses Marzipan zwischen den Zähnen, an den feuchten Kuss zuvor kannst du dich aber nicht mehr erinnern. Vielleicht willst du es auch gar nicht, weil du spürst, dass dein Lauf im Kreis viel größer ist, dass der ausgetretene Pfad einem Schützengraben gleicht, dem du gar nicht entkommen kannst. Du siehst in den Spiegel, die Hälfte deines Gesichts ist dunkel und die andere hell, weil du es immer noch nicht geschafft hast, eine Lampe in dein Badezimmer zu bauen, die alles erleuchtet. Aber immerhin gibt es eine Hälfte voller Licht, in die flüchtest du dich und vertraust darauf, dann auch die andere Hälfte ertragen zu können.
Es gibt immer neue Dinge und einige bleiben eben länger. Damit ich meinen Rhythmus besser halten kann, wird es montags immer ein Bild und eine Geschichte geben. Ein Montagsgesicht, das zu Beginn mich jetzt zeigen wird, in den kommenden Wochen werden es andere Menschen sein. Fünfzig Gesichter, jeweils an einem Montag mit einem Text – das ist eine gute Sache, weil ich dann auch mal wieder die Kamera in die Hand nehme und mit einem Konzept arbeite, statt nur mit dem Auge und dem Herzen. Ein Konzept ist wichtig in der Kunst. Glaube ich.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.