Fäden im Wind
Da ist diese Sache mit dem Wollknäuel, das ich einst erhielt. Ich weiß auch gar nicht mehr, wer es mir gab, ich hielt es irgendwann einfach in der Hand. Aber ich weiß, dass ich bei der Farbe noch dachte: »Ja, das ist genau meine Farbe.« Manchmal zog ich ein Stück des Wollfadens heraus und ließ ihn im Wind treiben. Je nachdem, wie stark der Wind war, konnte ich auch etwas mehr Faden herausziehen und er wehte wie eine Fahne, zuckte manchmal, doch meistens schwebte er von der Luft getragen einfach nur vor sich hin, oft sogar waagerecht.
Die Faszination der Sache an sich habe ich damals nur mit atemlosem Staunen begleitet, weil ich auch gar nicht erklären konnte, was da so geschah. Aber ich wusste, dass etwas geschah. Irgendwann geschah es, dass sich mein Faden mit einem anderen verwob. Zufällig, ohne eine Absicht, wickelten sich Wolle um Wolle, weil es ja auch nichts anderes gab und wenn der Wind stärker wurde, dann trieben die Fäden wieder auseinander. Manchmal waren dann an meinem Wollfaden noch ein paar Fusseln des anderen, aber das stelle ich immer erst sehr viel später fest. Und als dann zum ersten Mal jemand seine Wolle mit der meinen verknotete, da war ich im ersten Moment nicht nur überfordert, sondern auch bewegt, weil das eine seltsame Sache war. Eine seltsame Form der Verbundenheit, die so viel Zwang in sich barg und mir auch so viel Freiheit nahm, weil der Faden nun nicht mehr nur einfach im Wind trieb, sondern oft durch die Last des Knotens gar nicht mehr so recht schweben wollte. »Nicht schlimm«, dachte ich damals, »dafür bist du ja eben auch verbunden.« Aber ich stelle eben erst später fest, dass ich das gar nicht wollte, dass dieser Knoten mich nur fesselte und meine Sicht auf die Sache mit dem Wollknäuel eine ganz andere war. Ich wollte nichts verknoten, nichts festbinden, ich wollte den Faden im Wind sehen. Das war schon alles. Und zwischenzeitlich glaube ich, dass ich ohne eine Knoten gar nicht auskäme, dass ich mit meiner Wolle so umgehen müsste, wie es alle anderen tun, weil ich auch glaubte, dass das, was alle anderen machen, richtig ist. Ich begann selbst nach anderen Fäden Ausschau zu halten und fing sie, hielt sie fest, wollte sie mit dem meinen verknoten. Aber immer wieder stand ich da, meinen Faden in der Hand, den anderen Faden in der anderen Hand, ließ meine Augen von der einen Seite zu anderen wandern und wieder zurück, bis sie müde Füße hatten und gar nicht mehr gehen wollten. Und ich wollte keine Knoten in meinem Faden. Deshalb schnitt ich irgendwann all die Knoten ab, ich wollte einen freien Faden, einer, der sich nicht anbinden lässt und dem es dabei trotzdem gut geht, einer, der andere Fäden berührt und den auch andere Fäden berühren, ohne dabei seine Leichtigkeit zu verlieren. Wenn ich anderen davon erzählte, lächelten sie milde. »Du willst etwas, das es nicht gibt«, sagten sie mir dann. Ich habe immer genickt, wenn sie das sagten, weil ich Dinge mag, die es nicht gibt, weil ich es mir vorstellen kann, dass es sie doch gibt und dann wieder einen Traum in meinem Leben mehr habe. Und so begann ich nur, nur noch ein kurzes Stück vom Wollknäuel abzuziehen, weil ich wusste, dass ich es im Auge behalten konnte, dass niemand mir ein Stück abschneiden würde und das auch keiner damit einen Knoten bilden konnte, weil dafür einfach zu wenig Faden im Spiel war. Das kurze Stück Wolle war vielleicht nicht in der Lage, im Wind zu schweben, aber es war lang genug, um andere zu berühren. Als ich wieder mutiger wurde und etwas mehr Faden herauszog, wunderte ich mich nicht über mich selbst, weil ich wusste, dass ich das Richtige tat und dass mein Faden mein Faden blieb, selbst wenn andere sich an ihn hefteten oder ihn umschlangen. Und ich wusste, dass Knoten mich nicht halten konnten. Ich bemerkte, dass mein Traum längst Realität war. Schleichend, ohne dass ich es irgendwie wahrgenommen hatte, schwebten zahlreiche Fäden im Wind. Nebeneinander, übereinander, ineinander verwoben, aber dennoch frei. Manchmal war da Bewegung, manchmal war der Wind stark genug, um alle Fäden schweben zu lassen. Und ganz oft war neben meinem Faden dieser andere, den ich von irgendwo zu kennen glaubte, der farblich dem meinen ähnelte, aber doch ganz anders gestrickt war. »Seltsam«, dachte ich, »und all diese Farben passen doch auch zusammen, aber diese beiden Fäden noch etwas mehr.« Und dann kamen sie wieder und sagten etwas, aber der Wind war stark genug und ich trieb mit meinem Faden im Wind. Fast glaubte ich, dass ich schwebte. Die Sache mit dem Wollknäuel, ich hatte sie beinahe vergessen.
Ich arbeite wieder normal, es geht bergauf. Die Dunkelheit habe ich noch immer im Blick, aber zurzeit ist sie ungefährlich. Leicht, was ist schon leicht.
Und irgendwann kommen sie und holen mich ab.