Nordgedanken

"Im Grunde genommen ist alles ganz einfach, jede Medaille hat ihre zwei Seiten und Du musst Dich für eine entscheiden." Aha. Diesen Satz sagte jemand zu mir, als ich noch sehr klein war. Und jung an Jahren. Und ich, ich hatte nichts besseres zu tun, als einen kleinen Gedanken, der sofort in meinem Kopf auftaucht, zur Sprache zu bringen. Jede Medaille habe schließlich einen Rand und böte somit eine dritte Seite, eine weitere Entscheidungsmöglichkeit. Ein schwerer Treffer, eine perfekte Rückhand, die mich an der rechten Wange traf. Ich vergesse nicht, auch wenn ich kein Elefant bin. Ich habe für mich entschieden, dass es immer mehr als zwei Seiten gibt und nur die einfältigen Menschen reduzieren alles auf zwei Möglichkeiten, was die Entscheidung nicht einfacher, aber überschaubarer macht. Woher diese Gedanken kommen? Ich liege im Bett, müde und voller Schmerzen, schwitzend und nachdenkend, viel Zeit, viel Ruhe für mich, für das Bearbeiten von Erinnerungen. Bunte Bilder. Überall. Verwegene Gedanken in meinem Kopf. Und so viel Müdigkeit. Kein Besuch der alten Dame, der Geburtstag meiner Großmutter findet ebenso ohne mich statt wie der Abend mit meiner besten Freundin in Kiel. Verwandtschaftliche Vorwürfe werden kommen und ich lasse sie an mir vorüberziehen. Meine beste Freundin wird es verstehen, davon bin ich überzeugt.

Mein kleines unbeugsames Dorf, in dem ich lebe, gibt sich irgendwelchen Feierlichkeiten hin. Ich kann sie hören. Schon jetzt. Nur ein paar Kilometer weiter im Norden ist Hamburg und hier, wenige Minuten entfernt, tobt die Provinz. Oft beschaulich, oft mit sturen, einfachen, aber ehrlichen Menschen. Weit genug vom Pesthauch der Stadt entfernt, dicht genug, um die Annehmlichkeiten zu genießen. Nein, ich kann nicht dorthin ziehen. Allein ein halber Tag in der Stadt macht mich müde. So viele Menschen, so viel Oberflächlichkeit. Und dann, plötzlich, beginne ich mich anzupassen, damit ich nicht zu sehr auffalle. Wie dumm. Von mir. Laute Gedanken, leise Erkenntnisse. Und ich in meinem Bett, dem Untergang der Sonne zu lächelnd. So friedlich gerade in mir, verkrieche ich mich wieder in meine Gedanken.

Grüße. An die Juristen, die eben immer Recht haben und nach Kiel, wo eine junge Frau nun tütenweise Süßigkeiten verkaufen muss. Und an meine Katze, die heute gut auf mich acht gegeben hat. Nicht zu vergessen A., die sich das Leben schwer macht, weil Zweifel ein billiger Freund ist.

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