Gedankenwetter

Regen. Blitz. Donner. Der Wald und ich genießen. Angst? Nein. Es ist wundervoll, die Natur zu spüren, es ist wundervoll beim Donnergrollen die Vibration der Matratze zu fühlen, das Geräusch des Regens in meinen Ohren, die Blitze, die alles für winzige Moment kalt und unwirklich aussehen lassen. In diesen Momenten werde ich kleiner. Viel kleiner. Im Grunde genommen ist alles nicht so wichtig. Ernst, ja. Aber nicht wichtig. Ein kleines Leben unter Milliarden anderen, ein paar Gefühle, ein paar Gedanken - es gibt so viele andere, die vielleicht genau dasselbe fühlen wie ich. Irgendwo auf diesem Planeten. Vermutlich hat genau in diesem Moment jemand Bauchschmerzen. Irgendwo. Und jemand liegt in seinem Bett, schreibt seine Gedanken auf. Und irgendwo liegt jemand, denkt nach, sucht nach Gründen und findet nichts außer sich selbst. Ich denke zu viel nach, sagen mir Freunde und Bekannt. Und ich arbeite zu viel. Eine Pause. Ja. Eine Pause. Ich kann vermutlich eine Pause machen und mal ein paar Tage nicht arbeiten, aber ich kann meine Gedanken nicht pausieren lassen. Im Gegenteil: Setze ich mit der Arbeit aus, kommen die Gedanken wie frei gelassene Hunde und beißen mir in die Kehle. Zurzeit ist es so, dass mich die Arbeit betäubt, ablenkt und meinen Kopf auf den Schultern bleiben lässt. Diszipliniert. Schweres Wort. Für meine Finger, meinen Kopf. Disziplin. Nicht meine Welt, aber ich muss mich hin und wieder in ihr bewegen. Ich mag das Chaos, ich mag die Bewegung, die Unruhe. Aber es gibt auch Grenzen. Grenzen für mich.

Ich fühle mich zerrissen. Müde. Getreten. Aber warum denn nur? Ach. Es sind genug Zweifel, die ich an mir selbst, an meinem Handeln, an meinen Gedanken, der Zukunft und der Gegenwart habe. Kommen weitere Zweifel hinzu, die andere Menschen an mir und meinem Tun haben, dann wird es anstrengend. Ich denke, ich habe eine Menge Kraft, ich kann einiges bewältigen. Aber nicht alles. Natürlich: Ich gebe zu, dass ich in schwierigen Situationen blitzartig mich selbst über Bord werfe, um mich dann aber an die Reling zu klammern und wieder auf das Deck zu klettern. Das habe ich schon als Kleinkind gemacht, wenn auch ohne die Funktion des Kletterns. Und wenn mir jemand zu nahe kommt, wenn mich jemand bedrängt, wenn jemand zu sehr an mir und meinen Tun zweifelt, dann werfe ich alles über Bord. Irgendwann verfehle ich die Reling, irgendwann fehlt mir die Kraft in den Fingern, den Händen. Das ist dann einfach so. Denke ich. Zu viele Zweifel. Habe ich das gleichnamige Gedicht schon auf der Seite? Ich glaube. Ganz sicher bin ich mir nicht. Doch. Und das trifft den Kern recht gut. Zweifel sind...

Als ich gestern in einer endlosen Odyssee durch die Nacht rollte, rauschte mir einiges durch den Kopf. Endlose Gedankenfetzen. Und dank dieser Gedanken werde ich nun eine Grußliste einführen. Ich habe mich gestern Nacht in diese Idee verliebt. Ja. Gut. Ich grüße den bebrillten jungen Mann im weißen Lieferwagen, der es in atemberaubender Geschwindigkeit geschafft hat, vor mir an jeder roten Ampel zu stehen und nicht zurück lächelte. Ferner gehen Grüße an Herrn K., dessen hausgemachte Fleischbrötchen - ich denke, das ist adäquate Übersetzung für "Burger" - mir tatsächlich während des Essens die Sinne raubten, um mich danach meine Eingeweide in Depressionen zu stürzen. Außerdem winke ich dem alten Herren zu, der zu nächtlicher Stunde seine Bankdaten auf meinem Anrufbeantworter hinterließ und mir ob der fast hilflosen Art der Kommunikation Begeisterungsstürme in mein Herz trieb. Und dann ist da noch S., die in der vergangenen Woche mir den guten Rat gab, doch wieder verstärkt auf Kopftücher zu setzen, damit mein Schädel nicht mehr platzt. Ganz ehrlich: Es wirkt.

Allen, die sich wundern, warum ich mich zurzeit ein wenig rar mache: Ich arbeite wahrlich viel, die Zeit wird knapp. Aber es geht mir gut und ich habe einige Dinge wieder gefunden. Mein Augenzwinkern. Zum Beispiel.

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