Sirenen

Ich weile wieder unter den Lebenden, nachdem ich gestern vorübergehend in einer anderen Welt weilte. Vorübergehend. Ich bin froh, dass ich nicht immer dort sein muss, manchmal macht es Sinn, manchmal ist es auch gut, gestern war es sicher auch notwendig. Ich sei wirklich nicht ganz dicht, sagte mir gestern jemand. Aus welchen Gründen auch immer. Ja, warum auch immer. Ich glaube, ich bin das auch ganz gern, wenn ich sehe, wer sich als vollkommen dicht bezeichnet. Vollkommen. Mit der Gleichgesinnten, die am späten Donnerstagabend noch zu mir kam, ist es so einfach. Wahrscheinlich, weil wir beide nicht ganz dicht sind. Jeder tut eben das, was er will. Und manchmal tun wir dann auch Dinge gemeinsam, manchmal nicht. Kein Problem. Die ewigen Forderungen, die andere an mich herantragen sind lästig. Wahrlich. Da erklärt der Mann meiner Mutter, ich solle doch heute mal vorbeischauen, schließlich käme jemand, der mich schon lange nicht mehr gesehen hat. Wie bitte? Und dann? Gebe ich dem Mann die Hand und sage "Hallo", trete von einem Fuß auf den anderen und warte darauf, dass mir mein Gegenüber Geschichten aus meiner Kindheit erzählt? Ei. Wie spannend, das wollte ich schon. Und dann das Internet. Ich bin selbst Schuld: Alles zieht und zerrt an mir, ich verzettele mich. Virtuell. Aber die Zettel liegen in meinem Kopf. Immer mehr. Ich werde mich zurückziehen, ich bin niemandem verpflichtet außer mir selbst. Und irgendwann komme ich dann zurück, so wie es schon immer war. Ich komme und ich gehe, wenn es mir passt.
I am the Hallelujah man
Yes my friends, I've been born again...
(Love & Money - Hallelujah Man)

Gestern ein Tag im Stillstand, das Dunkle im Kopf, im Herzen ohnehin. Ich habe mich nahezu erfolgreich dagegen wehren können. Tagsüber. Gegen Abend wurden die Bilder wieder deutlicher, ich hatte keine Möglichkeit, sie zu vertreiben. Vielleicht lag es an den Gesprächen mit der Gleichgesinnten, daran, dass ich sagte, dass ich alles im Griff hätte. Nein. Die vergangene Nacht hat mir mal wieder das Gegenteil bewiesen. Nicht so schlimm, ich bin wieder auf dem Weg ans Licht, nicht so schlimm. Immer wieder eingeschlafen, immer wieder aufgewacht, aufgeweckt worden. Von Bilder, von Stimmen und schließlich von Sirenen. Ganz leise und doch laut in meinem Kopf. Fliegeralarm. Ich habe auf Detonationen gewartet, aber die blieben aus. Zum Glück. Eingeschlafen. Aufgewacht, aufgeweckt. Von Geräuschen und Stimmen. Es ist alles noch in mir, ich kann mich nicht davor schützen. Aber ich kann manchmal dafür sorgen, dass es niemand merkt. Meistens. Und manchmal habe ich Angst. Vor dem, was da drinnen ist. Da drinnen.

Bitte gehen sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen.

Einkaufen muss ich noch, ich will heute Abend kochen, wenn Frau H. hier ist und wir die Nacht mit Frank Black verbringen. Irgendwann zwischendurch, etwas Fleischloses. Ich habe schon Bananen auserkoren, mal sehen, was mich gleich beim Supermarkt noch inspiriert. Irgendetwas. Brokkoli ist auch spannend - aber ich lasse mich überraschen, was noch da ist, wenn ich in den klimatisierten, gefliesten Räumlichkeiten ankomme. Wenn es so warm ist, dann werden sich wenig Menschen auf den Weg machen, ich schätze diese vollen Hallen nicht. Überall Augen und Gerüche, das macht mich wahnsinnig. Wahnsinnig. Und schlimmer noch: Die Menschen, die ich dort zufällig treffe und gar nicht treffen will. Was tue ich? Verstecken? Nein, das ist lächerlich, mittlerweile habe ich mich auf ein wortloses Nicken verbunden mit einem Lächeln spezialisiert, damit erfülle ich alle Anforderungen. Denke ich. Und ich erspare meinem Gegenüber die Frage: "Und was machst Du jetzt so?" Und ich erspare mir eine zynische Antwort darauf.

Oh, ich habe gerade festgestellt, dass ich, wenn ich die beiden halbherzig aufgeblasenen Luftmatratzen übereinander lege, wie auf dem Wasser liege. Tatsächlich befinde ich mich auf dem Balkan. Nein, auf dem Balkon. Vokalwanderung. Aber das eröffnet mir vollkommen neue Möglichkeiten für die Sommernächte, wenn ich mal wieder in die Sterne starren will und darauf hoffe, dass sie mich abholen. Das gefällt mir. Unter den Sternen im Dunkel auf dem gedachten Wasser. Und wenn es mir zu kalt wird, dann lege ich mich ins Bett. Wie schön. Nun, es werden noch genug warme Nächte kommen, so viel steht fest. Und ich werde nun noch zwei Minuten dieses Konstrukt testen und mich dann endlich auf den Weg zum Supermarkt begeben. Und ein wenig aufräumen muss ich noch, bevor Frau H. hierher kommt. Ein wenig. Nicht, dass ich den Eindruck erwecke, ein ordentlicher Mensch zu sein. Nein.

Grüße. An die Gleichgesinnte voller Licht, an AltA - ich bin ziemlich aufgeregt - und an meine Katze: Wirklich schön, dass es nun klappt. Mehr nicht. Wer will, der wartet mit mir ungeduldig auf den Herbst, allen Sonnenanbetern wünsche ich heute viel Spaß. Heute.

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