Ganz im Gegenteil

Was hattest Du erwartet, Armin? Ernsthafte Depressionen oder Selbstmordgedanken? Namenlose Verzweiflung oder endlose Hilflosigkeit? Ja? Oh, ich muss Dich enttäuschen. Ich gebe zu, ein wenig überrascht zu sein, ich hatte tatsächlich damit gerechnet, dass ich hart getroffen zu Boden sinke und mich noch lange darüber grämen werden, was geschehen ist, was geschehen wird, über meine Entscheidung und deren Folgen. Nein. Als ich heute Morgen aufwachte, da wusste ich, wie ich auf dem Montagsbild aussehen würde. Entspannt. Gelassen. Ja. Warum? Hm, ja, warum eigentlich. Letztlich hat sich heute genau das bestätigt, was ich bereits ahnte: Das Gros versteht das Ganze nicht und plappert Unsinn, diejenigen, die verstehen, sind in der Unterzahl und trauern. Ich trauere mit ihnen, keine Frage, aber im gleichen Moment fühle ich mich befreit, von nun an mich wieder um Dinge zu kümmern, deren Wert eindeutig geschätzt wird. Und auch bezahlt wird. Angefangen mit der Internetseite, an der ich heute gearbeitet habe, über das Hörbuch bis hin zu den Kurzgeschichten, die im kommenden Jahr veröffentlicht werden. Ja. Ich trauere mit denen, die wissen, was ich mit meiner Zeitung geleistet habe - es schrieb heute jemand vom "Tod eines Idealisten" - und dennoch fühle ich mich leicht, fast frei. Jetzt. Es kommen sicher noch ein paar andere, fremdartige Momente, die mir das Leben weniger leicht erscheinen lassen werden, aber der Anfang ist gemacht. Jetzt. Ich bin auf dem Weg in die richtige Richtung, der Umweg ist beendet. Hm. Vielleicht war es auch kein Umweg. Aber das werde ich später sehen, wenn ich ein paar Schritte weiter gegangen bin. Jetzt kehre ich wieder zu dem zurück, was für mich einfacher ist und was mir für das Schreiben einen ganzen Sack voller Möglichkeiten schenkt. Der Weihnachtsmann wäre stolz, vielleicht gibt es ihn ja doch. Wer weiß. H. vom Hamburger Abendblatt hat sich heute freundlich und entgegenkommend gezeigt, ob ich dann wirklich wieder Foto-Aufträge bekomme, werden die kommenden Wochen, Monate zeigen. Ein wenig Geduld muss ich dann schon haben, so viel steht fest. Aber Geduld ist mir ja zum Glück auch nicht mehr fremd, das halte ich dann auch noch durch. Sollte sich JP in dieser Woche auch noch melden, dann habe ich für das neue Jahr tatsächlich ansprechende Perspektiven und kann schon fast gelassen nach vorn blicken. Fast, übertreiben will ich nicht.

Hrmpf. Alles glänzte heute allerdings auch nicht, auch wenn ich den Tag mit Gold belegt habe. Auf irgendeine mysteriöse Weise habe ich meinen Kopfhörer zerlegt, irgendein Fehler im Kabel, so dass ich nur noch den rechten Kanal höre. Meine Ohren sind in Ordnung, es liegt eindeutig an der Technik. Schade, meine Reparaturarbeiten sind leider fehlgeschlagen, erklären kann ich mir das nicht. So werde ich morgen einen neuen, technischen Ohrenwärmer besorgen. Ärgerlich, denn ohne Kopfhörer kann ich das Hörbuch nicht fertigstellen. Na, es wird noch ein paar Geräte geben, die ich morgen käuflich erwerben kann, trotz der dunklen Zeiten ist der Notstand in diesem Land noch nicht so extrem, dass ich um den Nachschub fürchten muss. Nein, das muss ich nicht.

So, ich gehe noch ein wenig im Internet spazieren: So entspannt wie heute Abend war ich lange nicht mehr. Glaube ich. Die Abende bei der Gleichgesinnten mal ausgenommen, die zählen jetzt nicht. Bin ich müde? Ein bisschen. Hm. Ich erkläre die Nacht zum Freund und bezeichne sie als gut.

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