Kein Blut

Gut, es gibt eine positive Nachricht: Mein Blutrausch scheint wieder vorbei zu sein, in den vergangenen Nächten, Tagen gab es keine tropfende Nase, kein verklebtes Erwachen, keine Flecken auf dem Kopfkissen. Ganz ehrlich: Das ist wundervoll, denn ich hatte mich schon mit ernsthaften Gedanken auseinander gesetzt, irgendeinen Grund für diesen abnormen Flüssigkeitsverlust muss es geben. Denke ich. Vermutlich keinen physischen Grund. Vermutlich. Ich bin kein Arzt, ich habe davon keine Ahnung und ich maße mir auch nicht an, irgendwelche Diagnosen zu stellen. Nach den Worten von M. lebe ich zu exzessiv, eine Fackel die von beiden Seiten und aus der Mitte heraus brennt. Ich kenne kein anders Leben, ich kann mir nicht vorstellen, anders zu fühlen, zu denken, zu lieben oder zu arbeiten. Immer alles. Immer. Oder gar nichts. Am Samstagabend waren sie wieder da, die Menschen, die mir sagten, dass sie auch schon immer dieses oder jenes machen wollten. Aber. Ach. Ja, dann kam etwas dazwischen. Ich habe mich zurückgehalten, ich habe nicht gesagt, dass sie sich selbst dazwischen kamen und es noch immer tun. Ich kann die Trauer in diesen Menschen fühlen, wenn sie mir von ihren geplatzten Träumen erzählen, ich kann das alles in ihren Augen sehen. Und es reißt mir das Herz aus dem Brustkorb. Ich kann nichts ändern, ich kann es nur hören. Nein, die Welt muss nicht von Schauspielern, Musikern, Bildhauern, Fotografen oder Schriftstellern bevölkert werden, aber jeder sollte seinen Platz kennen. Oder ihn finden. Sich nicht damit abfinden. Keine Ratschläge, ich mag nichts sagen, wenn mich jemand fragt - alles liegt im Kopf des anderen, die Tränen liegen in meinen Augen. Kein Mensch vermag zu ermessen, wie mich diese Erzählungen anstrengen, was das in mir entfacht oder erstickt. Ich solle das doch alles einfach nicht an mich heranlassen. Aha. Ein guter Rat. Danke. Vielleicht kann mir der anonyme Ratgeber dann auch meine nächtlichen Panikattacken nehmen, die mich immer wieder heimsuchen. Ich sollte mir angewöhnen, unter Aufsicht zu schlafen.

Kein Blut. Zumindest keines, das aus meiner Nase fließt. In mir ist noch genug von diesem Saft, aber ich bin müde und auch mein Herz hat momentan wenig Lust, mit ständigem Pumpen für eine Versorgung der entlegenen Gebiete zu sorgen. Meine Füße sind immer wieder kalt, meine Hände ebenfalls. Ich werde mir den Tag morgen gut einteilen, ich werde sehen, dass ich so viel Ruhe wie nur irgendwie möglich finde. Und ich werde danach suchen. Vielleicht werde ich zum ersten Mal seit Monaten alle Telefone ausschalten. Alle. Nur ein Tag Ruhe, kein Wort, kein Ton, nur Liegen und mich nicht bewegen. Kein Internet, kein Rechner. Nur Ruhe. Nach einigen Stunden wird es mich nerven, aber das ist dann auch der gewünschte Effekt. Noch ein paar Stunden, noch einige hundert Minuten, dann verkrieche ich mich in den Abend. Der Lichtblick, auf den ich zulaufe.

Ja, ich bin wirklich müde, erschöpft. Aber ich habe noch ein paar Grüße. An das beste Ypsilon von allen, die mir trotz allen Unbills in diesen Tagen Kraft gibt - und wenn ich N. zwischen die Finger bekomme, zerreibe ich ihn zwischen den Handflächen. An M., der mich gestern vor dem sicheren Kopftod gerettet hat und an K., dessen Lob mir gestern den letzten Energieschub gegeben hat. An C. - wortlos. Allen, wirklich allen wünsche ich, dass die Woche wundervoll beginnt. Am Ende steht immer ein Lächeln, auch meines versiegt nicht.

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