Vergangenheitsgewaltigung

Jetzt ist es passiert: Es gibt einen MP3-Spieler auf meiner Internetseite und jeder kann hören, wie ich singe. Ob ich mich denn dafür schäme, wurde ich vorwitzig per Kontaktformular gefragt. Anonym. Wie entzückend. Meine Antwort fällt kurz und einfach aus: nö. Ich stehe zu dem, was ich tue, was ich bin und wie mein Leben gestalte. Wer die Musik nicht mag, braucht ja meine Seite nicht aufzurufen. Oder schaltet das Modul nicht ein. Wie auch immer. Ich bin stolz, dass ich auch das geschafft habe und nun gibt es zwei Lieder, die hier zu hören sind. Ich bin mir gerade nicht sicher, aber wenn ich die Texte noch nicht auf der Seite untergebracht habe, dann werde ich das im Laufe der Woche nachholen.

Alles so nebenbei, ich sollte das vielleicht nicht machen, aber nun gibt es auch die Höhenflüge und das Kopfschütteln auf der Seite. Ich fand diese Idee ganz passabel und danke an dieser Stelle - zum wiederholte Mal - K., die allerdings die Schuld von sich weisen wird. Ich denke, es ist an der Zeit, dass sich auch ein paar Menschen mal ihre Internetseite ansehen, es gibt dort ein paar faszinierende Bilder für detailierte Denker.

Was war das denn? Da klingelt zu später Stunde mein Telefon und in dem Apparat - ich mag mir das mit den Kabeln einfach nicht vorstellen - steckt W. und fragt, ob ich Zeit und Lust hätte, sie zu sehen. Beides. Das ganze Gefühlschaos ist nun schon mehr als zehn Jahre her, so viel Pein, so viele Erinnerungen und so viel wundervolle Momente. Seltsam vertraut war es und ich bin mit meinen Gedanken noch immer beschäftigt, weil mir an dem Abend einiges deutlich geworden ist. Ich muss mich noch einmal mit den Gedanken über die Liebe auseinandersetzen, muss ein paar Äußerungen über Bord werfen. Denke ich. Vermutlich ist es richtig, dass ich einige Menschen nicht aus dem Herz lasse, sie bleiben immer darin. Ganz gleich, was sie mir, was ich ihnen angetan habe. Sie bleiben da. Vielleicht ist der Raum nicht besonders groß, aber sie haben einen Platz. Auf eine gewisse Art ist das mehr als wundervoll, aber nach der Nacht und vielen aufgewärmten Erinnerungen, nach unzähligen Kicherarien und Erkenntnissen, bin ich heute Abend auch ein wenig verwirrt und weiß nicht, was ich damit anfangen soll. Damit anfangen soll. Hm. Mit Sicherheit kann ich sagen, dass es ein guter Abend war, dass ich mich wohl gefühlt habe. Das ist in diesen Tagen schon wirklich viel. Und dennoch ist es wahrlich skurril, denn ich hatte das Gefühl, einen Zeitsprung zu machen. Mit all dem Erlebtem, was ich in mir trage, saß ich ihr gegenüber. Beobachtete, wie sich ihr Mund beim Reden bewegte, wie ihre Hände zittern, wenn sie sich eine Zigarette dreht. Alles wie immer. Ihre Hand kreist, wenn sie etwas erzählt und die Stimme wird nasal, wenn sie den Rauch einatmet. Alles wie immer. Und doch dann irgendwie anders. Eine Begegnung mit der Vergangenheit. Wirklich seltsam. Oh, ja, ich mache mir vermutlich zu viele Gedanken. Über nichts. Vielen Dank an C., die ich dem Treffen mit W. zu Lieben aus meinem Telefon werfen musste, für das Verständnis. Ja, schon gut - zu viele Frauen, aber woher sollen die Männer auch kommen? Na, egal, ich erkläre mich mir nun nicht schon wieder selbst.

Es läuft immer noch "Maggies Farm" im Wechsel mit "Microphone Fiend", die Herren von rage against the machine wissen vermutlich gar nicht, was sie mit diesen Liedern in mir anrichten. Vorgestern fiel mir dann auch noch ein, dass ich zu den Klängen des Debüt-Werkes mein erstes Buch geschrieben habe. Und dann habe ich mich entschieden, die 343 Seiten hier zu veröffentlichen. Ich muss nur noch herausfinden, wie ich dieses PDF-Dokument schützen kann, aber das sollte auch nicht so dramatisch sein, ich habe jetzt Musik auf der Seite, da schaffe ich alles andere auch noch. Und ich habe einen intensiven Tag hinter mich gebracht, habe ganz nebenbei - ich muss mal mit den "nebenbei" Dingen aufhören - noch 90 Minuten Fußball gespielt, verloren und doch gewonnen: Bei den sommerlichen Temperaturen habe ich wieder an Gewicht verloren und ich rutsche entspannt in meine Lieblingsjeans. Das macht Spaß und lässt mich lächeln - mit welch simplen Dingen ich doch zufrieden zu stellen bin.

So. Ich höre nun auf. Zu arbeiten. Ich habe mir jetzt Ruhe verdient, schlürfe schon Tee und speise eine Banane. Eine gute, eine gesunde Mischung. Ich lebe gesund, mein Kopf ist krank und die Menschen halten mich mehr und mehr für verrückt. Als ich gestern ein befreundetes Paar im Supermarkt begrüßte, spürte ich, dass sie pikiert waren. Warum? Das weiß ich nicht, ich habe auch heute wieder darüber nachgedacht. Im Grunde genommen ist es auch egal, ich kann mit diesen Menschen wenig anfangen, ich empfand es lediglich als höflich, sie zu begrüßen. Es gibt Umgangsformen, an die ich mich halte. Vielleicht mache ich beim nächsten Mal eine Ausnahme. Bei den beiden.

So, nun will ich noch ein wenig Ruhe haben. Im Internet, distanzierte Kommunikation, das entspannt. Und vorher? Grüße. An B., weil ich es heute Abend leider nicht geschafft habe - aber der Ally-Abend am Freitag ist ja schon im Kalender eingetragen. An C., mit der Vorfreude auf das Picknick und an meinen Bauch, der langsam wieder Form annimmt: Hallo Bauch. Allen wünsche ich eine entspannte Nacht, ich verbringe sie unter den Sternen. Lächelnd.

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