Frei schweben

Schade, mein Hals schmerzt immer noch und ich mag Ärzte nicht. Gut, ich mag Menschen, die Ärzte sind - oder ich habe nichts gegen sie - ein Besuch beim Arzt nervt mich aber. Immer. Allein die Wartezeit, früher war das anders, früher hatte Privatpatienten gewisse Sonderrechte, heute sind plötzlich alle privat versichert. Heute ist ohnehin alles anders: Alle sind selbständig, alle sind wichtig, niemand will sich mehr mit den kleinen Dingen zufrieden geben - seltsamerweise sind die meisten Menschen aber nicht in der Lage, sich um die großen Dinge zu kümmern. Das ist nicht mein Problem, ich habe mich nie um das gekümmert, was für andere selbstverständlich war. Nein. Zu banal, zu langweilig. Und wenn das, was ich mir ausgedacht habe, wenn das Neue plötzlich zur Gewohnheit wird, dann verliert auch das seinen Reiz. Immer wieder bewundere ich die Menschen, die täglich das gleiche tun, die so wenig Neues erleben und dennoch immer wieder motiviert scheinen. Ich bewundere sie, weil ich nicht verstehe, wie es geht. Manchmal wünschte ich, auch bei würde das Leben so funktionieren, auch ich könnte das sein, was die Mehrheit als normal ansieht. Manchmal. Heute hat sich die neue Nachbarin bei mir vorgestellt und ich verfolgte ihren Blick, der immer wieder an meinen Fingernägeln hängen blieb. Ich kann diese Blicke fühlen, sehen kann ich sie ohnehin. Und dann, wenn ich das einem anderen Menschen erzähle, dann folgt als Kommentar: "Warum lackierst Du Dir auch die Nägel." Ausrufungszeichen. Mehrere. Ein kleines Fragezeichen hinterher. Warum, warum. Warum denn nicht? Ich mache, was mir Spaß macht, wem das nicht gefällt, der bleibt wo er ist. Sage ich das, schreibe ich das, unterstellt man mir umgehend Arroganz. Furchtbares Wort. Aber ich bin auch arrogant, ich gebe es sogar zu. Und allein weil ich es es zugebe, gerate ich schon wieder in Verruf. Ja, ich bin arrogant, weil ich mich in einigen Momenten mich überlegen fühle. Ungerechtfertigt oder nicht, ich fühle mich dann so. Wie auf der Hochzeit, als mich irgendwann zurückzog, wieder eine Position einnahm, von der ich beobachten konnte, wo ich ungestört war. Das belanglose Geschwätz. Ach, worüber soll man auch sonst reden? Gar nicht, denke ich mir dann, am besten wir schweigen und genießen die Stille, schweben durch die Ruhe des Raumes und beginnen irgendwann zu lächeln. Diese Stille ist mächtiger als jedes Wort, das Gequassel ist die Sonne, die Ikarus' Flügel schmelzen lässt. Furchtbar. Und die meisten Menschen verlachen mich für diese Gedanken, aber das ist mir mittlerweile wirklich gleichgültig. Ich muss nicht immer alles erklären. Muss ich nicht.

Der Wald macht mich froh. Ein Blick und ich fühle mich wohl und warm und geborgen. Im Grunde genommen möchte ich hier gar nicht weg, im Grunde genommen ist es gut und richtig so. Aber ein eigenes, kleines Haus wäre mir lieber. Mitten im Wald, keine Nachbarn, nur die Ruhe und ich. Die Ruhe und ich. In den kommenden Tagen werde ich ein Interview hier unterbringen. Ein Interview mit mir. Hm. Nun, ich kann es mir ja noch einmal überlegen, ich muss nichts übereilen.

Der Abend ist noch jung, frisch und leider auch noch hell. Ich werde ihn wieder für mich nutzen, das kann ich in diesen Tagen gut gebrauchen. Und ich habe schon wieder das Gefühl, dass ich etwas vergessen habe. Schlimm, mein Kopf lässt nach. Dennoch gibt es wieder Grüße: An Frau H. vom Bußgeldamt, die heute erquickend freundlich war und ein vermutlich lustiges Foto schicken wird. An die neue Nachbarin, die einen sympathischen Namen und Eindruck hinterlassen hat und an meine Katze, die mir heute mal wieder genau das gibt, was sie will. Und ich behaupte, dass ich das auch gerade brauche.

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