Nachgefragt

Es sei kein Wunder, dass ein Mensch, der sich so ernährt wie ich, irgendwann auch krank würde. Mangelerscheinungen seien das. Das musste ich mir anhören. Mangelerscheinungen. Keine Frage, mir fehlt tatsächlich immer etwas. Irgendetwas. Nein, nichts von dem, was ich für die Ernährung brauche, mir fehlen andere Dinge. Aber ich soll nicht immer jammern, sage ich mittlerweile. Ich lese meine Zeilen und bin mitunter arg betroffen von so viel Elend und Kummer. Mensch, sage ich da zu mir selbst, ist es denn wirklich so schlimm? Weiß ich nicht, aber ich glaube, manchmal ist es sogar schlimmer. Und: Ich bin besser und stärker, wenn ich mich verwundet fühle, davon bin ich überzeugt. Aber ich bin zurzeit nicht verwundet. Oder ich setze meine Kräfte einfach falsch ein. Ich weiß es nicht. Momentan bin ich einfach unschlüssig. Alles seltsam. Und ich tue mir leid. Das ist vermutlich das Schlimmste, was ich über mich schreiben kann.

Ob ich denn wirklich so viele eMails bekomme, dass ich nicht mehr antworte, fragte mich eine Freundin. Ja und nein. Ich bekomme viele eMails, ich kann aber antworten. Zumindest könnte ich es, wenn ich die Kraft hätte, Oder die Zeit. Ich bin einigen Menschen eine Antwort schuldig, so fühle ich es. Doch fühle ich auch, dass ich mich um mich kümmern muss, dann erst um andere. Ja, wieder der Egoismus. Aber ich habe das für mich so entschieden: Wenn es mir gut geht, dann kann ich das auch an andere weitergeben. Fühle ich mich schlecht und ich setze mich mit anderen Menschen auseinander, dann gibt es ein großes Chaos. Ach, ja: Es gibt immer ein großes Chaos, wenn ich mich mit anderen Menschen auseinandersetze. Immer. Oder immer wieder. Meistens. Wie auch immer. Ich enttäusche mich, ich enttäusche die Menschen, die mich kennen lernen. Es ist sicher auch nicht leicht und die Frage, wer und wie ich denn bin, kann ich nicht beantworten. Und wenn ich sie beantworte, dann am liebsten mit: "Ich bin alles und jeder." Perfiderweise ist das nahe an der Wahrheit, aber das glaubt mir niemand. Und als ich kürzlich mit einem Mann telefonierte, der sich an den Texten dieser Seite "berauscht hatte", wie er formulierte, da spürte ich nach wenigen Minuten Ernüchterung. In seiner Stimme. Und ein paar Minuten später brach es dann aus ihm heraus: Ich sei ja doch sehr positiv und sogar humorvoll. Und es klang wie eine Beleidigung, ein wenig höhnisch. Kein Mensch, der denkt, ist positiv und humorvoll. Ach. Das tut mir leid. Es gibt vermutlich auch wenig Fußballer, die Gedichte schreiben. Oder umgekehrt. Und dass mich einige Menschen für den Teufel halten, mögen die Menschen nicht verstehen, die mich als zartfühlend verstehen. Ich verstehe mich gar nicht, aber ich fand es sehr angenehm, dass vor wenigen Tagen meine Mutter erklärte: "Ich finde nicht, dass Du vollkommen verrückt bist." Auf die Betonung kommt es an.

Ein Tag im Rausch. Im Kaufrausch. Ich habe mir meine ersten Anzüge gekauft. Für die Hochzeit meiner besten Freundin. Zwei Anzüge, weil ich als Trauzeuge sowohl im Standesamt am Freitag als auch in der Kirche am Samstag präsent sein werde. Und wie es sich gehört, werde ich mein Aussehen variieren. Natürlich. Und am meisten freue ich mich auf den Samstag, wenn ich die verteufelt schönen, feuerroten Schuhe tragen werde, das dazu passende Hemd unter dem pechschwarzen Anzug. Ja, das wird fein. Und allein deswegen bin ich mit dem Tag heute zufrieden. Und auch deswegen, weil das beste Ypsilon von allen und ich heute so viel geschafft haben. So viel, dass ich auch stolz darauf bin, dass ich Arbeit für zwei habe, die ich gar nicht mehr allein bewältigen kann. Großartig. Mit einem Lächeln. Ab morgen Mittag weile ich in Kiel und habe fast zweieinhalb Tage Zwangspause von allem. Mein Tagebuch werde ich hier weiterführen, aber ich habe Ruhe vor der Arbeit. Ein wenig strengt es mich an, weil so vieles liegen bleiben wird und ich am Sonntag und am Montag dann mehr leisten muss, aber die Ruhe, die Distanz wird mit Kraft geben. Denke ich. Vielleicht werde ich eines Besseren belehrt.

So. Auch heute. Keine Ausnahme. Grüße. An die freundlichen Herren von Pollicke, die mir die Wahl der Anzüge leicht gemacht haben, an die entzückende Frau in der Änderungsschneiderei, die dafür sorgte, dass die Hosen den einen, winzigen Zentimeter kürzer geworden sind und an meine Halsschmerzen, die gar nicht merken, dass sie da sind. Denke ich. Oh, und dann noch an A., für all die Verletzungen und das Drumherum. Oder anders herum. Und nach London, weil es eine zauberhafte Stadt ist und nach München. Schlaft. Schlaft. Ich. Ich muss auch schlafen, damit ich als Zeuge der Trauung ausgeruht bin.

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