Sonnenseite

Was finge ich ohne sie an, was machte ich ohne ihre Zuneigung? Wie sehr fehlte mir ihre Nähe, wenn sie nicht wäre? Daran mag ich nicht denken. Auch dann nicht, wenn mir die Realisten vor die Füße spucken und höhnisch behaupten: "Katzen werden nicht alt." Katzen werden nicht alt. Ach. Das ist nicht wichtig für mich, ich will die Zeit genießen und das mitnehmen, was ich kann, so viel in meinen Erinnerungskarton legen, dass dieser schließlich zum Bersten voll, zu zerplatzen droht. Aufsaugen. Alles. Während ich auf dem Balkon sitze, die Sonne genieße, gesellt sie sich zu mir. Ungefragt. Und sie geht, wann sie will. Auch sie mag die Sonne. In Maßen. Sieht dem Regen gern zu, wenn sie im Trockenen sitzt. Meine Verwandte im Geist - mögen sie alle darüber lachen, mögen sie mich für verrückt und seltsam halten. Das, was mir gefällt, tut keinem anderen weh.

Die Autobahn. Ich freue mich nicht immer auf lange Fahrten, aber wenn ich wundervolle Sätze aus den Lautsprechern höre, dann wird jede Reise zur Entspannung. Synchronstimmen berühmter Schauspieler sprechen Gedichte, leider mit neuer, modischer Musik unterlegt. "Das ist nun mal modern", sagte mir T. gestern, der dieser Tonträger auch gehört. Sie hat auch noch die weibliche Variante, die ich mir am Mittwoch ausleihen werde. Wie auch immer: Mit diesen Stimmen, die ich mit Gesichtern verbinde, werde ich meine Fahrt nach Kiel angehen und dort meine beste Freundin unverheiratet antreffen. Zum letzten Mal. Ich gebe zu, dass ich nichts von Eheschließungen halte. In meinen Augen ist das überflüssig. Aber für sie, ja, für sie ist das vermutlich richtig. Nach meinem Empfinden. Dass ich als Trauzeuge in einigen Tagen dort anwesend sein werde, belastet mich ebenso sehr wie die vielen Menschen, die zur selben Zeit dort sein werden. Betrinken werde ich mich. Das weiß ich schon jetzt. Und mich in Oberflächlichkeit üben. Ich sollte einen Kurs belegen. Vielleicht. Ich habe Angst vor dieser Hochzeit, vor dem Hände-schütteln, vor den zaghaften Umarmungen und vor den Gesprächen, denen ich nicht folgen kann. Zwei Tage am Stück. Zwei Tage. Im Juli. Noch ist ein wenig Zeit, noch kann ich das beiseite schieben, noch habe ich genug Arbeit. Und ich freue mich darauf, dass ich mir zwei Anzüge kaufen werde. Dunkelgrüner Cord. Muss ich, will ich. Der Teufel in der Farbe der Hoffnung. Und einen Tag später in standesgemäßem Schwarz mit feuerrotem Hemd. Daran werde ich mich festhalten. Außerlichkeiten.

Wieder. Nur ein paar, nicht zu viele. Grüße. An die wenigen, die sich gestern zu nachtschlafender Zeit im Kino herumtrieben und den dritten Teil des Zauberlehrlings sahen und an den jungen Burschen an der Kasse der Tankstelle, der so mannigfaltige Probleme mit der Technik hatte. Außerdem sende ich ein Lächeln an all die Menschen, die für die amerikanischen Schnellversorger arbeiten und die meine Stimme über die Gegensprechanlage nur selten verstehen.

Genießt den Start in die Woche mit einem Lächeln, ich übe noch.

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