Gedankennacht

Ich habe immer noch einen furchtbaren Geschmack im Mund. Obwohl ich mir mehrfach die Zähne geputzt habe. Obwohl ich im Sekundentakt frische Luft durch die Lippen sauge. Die vergangene Nacht war anstrengend. So anstrengend, dass ich kaum in der Lage war zu schreiben. Ich mag mir auch nicht mehr durchlesen, was ich gestern, nein, heute in die Tastatur gedrückt habe. Wir haben viel geredet. Gut, im Grunde genommen rede nur ich, Inga schweigt und hört mir zu. Die wenigen Kommentare, die sie formuliert, geben mir dann wieder nachhaltig zu denken. Denken. Immer wieder denken. Ja, ich denke zu viel. Oder auch viel zu wenig. Momentan habe ich das Gefühl, dass ich immer zu spät komme, der Tag hat zu wenig Stunden, die Nacht ist immer zu kurz - und auch viel zu hell. Ich vermisse die langen Winternächte, die sich wie ein warmes, weiches Tuch um meinen Kopf wickeln, die wirren Gedanken betten und für Ruhe sorgen. Draußen ist es kalt, drinnen warm. Die Sterne sind klar und hell. Stattdessen Dämmerlicht. Der Wald wird nicht müde. Und in meinem Kopf können auch die Gedanken nicht schlafen. Mir fehlt zudem die Stunde, die ich erst im Oktober zurück bekomme. Mein Kopf ist schwer, viel zu schwer für die Muskeln am Hals, viel zu schwer. Keine leichten Gedanken in diesen Tagen, schwere See, schwere Beine, mein Körperschiff schlingert. Es gibt keinen Grund zu Unruhe, das Schiff ist unsinkbar. Ich glaube, mit ähnlicher Einstellung ging die Titanic auf Jungfernfahrt und auch die Bismarck hatte einen solchen Ruf. Allerdings ist es selten, dass ich im Sommer auf Eisberge treffen werde. Zumindest in meinem Wald. Selbst die herzförmigen Eiswürfel in meinem Martini haben mich gestern im Stich gelassen. Nach kurzer Zeit. Nichts ist von Dauer. Und schon gar nicht Eis in den Gefühlen.

Es ist ein wenig seltsam. Der Montag. Ein ganz neuer Montag, eine ganz neue Art von Montag. Stressfrei. Ich bin froh darüber. Nein, kein Urlaubsgefühl, aber ein entspanntes Arbeiten, ein ruhiger Start in die Woche. Gut. Mit dieser Entspannung kann ich doch noch ein Lächeln aus meinen verkrusteten Mundwinkeln kratzen. Das geht. Natürlich. Inga weiß, wie es in mir aussieht, sie hat die vergangenen Nächte mit mir verbracht und lächelt ebenfalls. Ein Doppellächeln für alle.

Ich grüße. Mal wieder. Die Fußballer, die es ernst, aber nicht so wichtig nehmen. Herrn K., der mir ungefragt Knüppel zwischen meine selbständigen Beine wirft und dem ich ein Lächeln entgegen schmettere. Die mir unbekannte junge Frau, die Kommunikation startet und Angst vor dem Echo hat. Und meine Katze, die seltsamerweise den gleichen Geschmack hat wie ich.

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