Das Ende der Konsequenz

Und dann? Und dann, ja, und dann klappe ich einfach zusammen. Wann? Wann? Na, jetzt. Und dann klappe ich wirklich wie ein Taschenmesser in der Mitte zusammen, bleibe liegen und rege mich nicht mehr. Ich bin zurzeit maßlos überfordert, ich kann gar nicht alles schaffen und zu allem Überfluss treibe ich mich immer mehr an. Aufräumen, ja, das wollte ich eigentlich heute noch, weil morgen J. zum DVD-gucken vorbeikommt. Mit dem Fahrrad. Unglaublich. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal mit dem Rad gefahren bin. Im ersten Moment fällt mir mein Sturz ein, aber ich glaube, danach bin ich - ja, klar, in Lüneburg bin ich ja auch noch Rad gefahren. Hm. Seltsam. Jetzt, in dem Moment, in dem ich darüber nachdenke, vermisse ich das Gefühl von Balance, ein kleines bissen Freiheit, Wind in der Kleidung, ein Sausen im Ohr und Insekten im Auge. Die Last mit der Gangschaltung, die nicht richtig justiert ist und deshalb der erste Gang nicht mehr angesteuert werden kann. Und klappt es doch, dann geht der fünfte nicht mehr. Aber ich glaube, heute haben alle Fahräder 20 Gänge, damit jeder Berg in der richtigen Geschwindigkeit gefahren werden kann. Langsam. Und fast entspannt. Und dann auch noch noch die Ruhe im Kopf, das Knirschen des Sandes unter den Reifen, ein leichtes Zucken im Bein bei dem Gefühl eines ausgeschlagenen Tretlagers. Fahrrad. Doch, ein wenig vermisse ich das Treten auf und in die Pedale.

Ich habe mich entschieden und bin ganz sicher: Ich schwöre den Sonnenbrillen ab. Die wenigen Sonnebrillen, die ich bislang hatte, habe ich verloren oder stand plötzlich mit einem Schuh drauf - in beiden Fällen eignet sich die Brille nicht mehr für mich. Für andere vielleicht schon. Letztlich finde ich es vollkommen unsinnig, mir die Sicht auf die Sonne zu trüben, mich hinter dunklen Gläsern zu verstecken. In den meisten Fällen ist das so: Ein dunkle Sonnenbrille ersetzt die Strumpfmaske, wenngleich niemand mit einer Sonnenbrille gleich als Bankräuber festgenommen wird. Glaube ich. Nun, wie auch immer: Ich habe mir wirklich nachhaltig Gedanken darüber gemacht und finde diese Brillen vollkommen überflüssig, ja, werde in Zukunft sogar ablehnen mit Menschen zu sprechen, die eine Sonnenbrille tragen. Nehmen sie dieses Utensil von der Nase, dann bin ich auch wieder zur Kommunikation bereit. Furchtbar. Wirklich. Ich dachte darüber nach, während ich mit Frau Feenblau über die Autobahn raste und bei all den Gedanken hatte ich plötzlich die Bilder einer Fernsehsendung vor den Augen, in der eine junge Frau im Gespräch die Sonnebrille trug. Eine Unsitte, ich werde das nicht mehr unterstützen. Auf die profanen Erklärungen wie "Die Sonne blendet aber" oder "Meine Augen tun so weh" werde ich keine Rücksicht nehmen. Bah, ich steigere  mich richtig in dieses Thema hinein, am Ende werde ich noch zur Sonnenbrille. Wer weiß. Und irgendjemand steht plötzlich mit dem Fuß auf mir. Ich hoffe nur, er ist gewaschen.

Hui Buh, runter vom Schreibtisch! Danke.
Ich glaube, sie kann doch lesen.

Oder auch nicht.

Ich habe heute das beste Ypsilon von allen angerufen, irgendwann ist Schluss mit der Konsequenz, irgendwann ist alles einmal zu Ende gedacht und für einen Neuanfang bereit. Fast wie immer und ich bin stolz auf die kleine Freundin, die tatsächlich das getan hat, was ich immer gehofft hatte. Sie hat sich aufgerafft, hat sich auf die eigene Kraft verlassen und etwas bewegt - vor allen Dingen sich selbst. Sich selbst. Ja. Zwei oder drei Monate Stille, und es hat sich viel getan. Sehr viel. Das gefällt mir. Mir. Und ich bin froh, dass ich sie angerufen habe. Nichts ist lästiger als die eigenen Hürden im Kopf nicht mehr überspringen zu können. Ich höre jetzt noch, wie mir vor einigen Jahren eine Freundin vorhielt: "Du hast doch gestern noch gesagt, dass Du das nicht tun willst." Ja, gestern. Heute ist ein neuer Tag, die Welt sieht anders aus und ich kann die Dinge neu erschaffen. Es ist nie zu spät und schon gar nicht in meinem Kopf. Wenn ich will, dann bewege ich. Mich. Wohin und wann ich will. Erich Kästner hat gesagt: "Entweder man lebt oder man ist konsequent." Punkt.

Grüße. An das kleine A. auf der Insel - gut, dass ich das Buch nicht übersetzen lassen muss. An das beste Ypsilon von allen, weil sich vieles ändert und einiges eben nicht. An alle nächtlichen Telefonistinnen, an M., weil es schön ist, Dich wieder im ICQ zu sehen und an meine absolut entzückende Katze. Letztlich noch an alle Sonnenbrillen dieser Welt: Kommt mir nicht zu nahe, ich setze meinen Fuß in euren Nacken - und das ist sicher tödlich.

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