Nicht mein Tag
Im Grunde genommen gehört mir kein Tag, ich darf mich demnach nicht beklagen, wenn mir dieser Tag gar nicht freundlich gesinnt ist. Vielleicht beruht es auf Gegenseitigkeit, vielleicht ist der Tag von mir enttäuscht, weil ich so lange geschlafen habe. Aber der Tag hätte sich ruhig einmal anhören können, was mich belastet und wie anstrengend das Leben zurzeit ist. Einfach mal zuhören, nicht immer nur die Sekunden verstreichen lassen, sich auch einmal in mich hineinversetzen. Das erwarte ich von einem freundlichen Tag, stattdessen warten die Stunden darauf, dass ich sie fülle, dass ich ihnen Leben einhauche, dass ich etwas tue und nicht etwas mit mir tun lasse. Aber. Aber mir fehlt die Kraft. Woher soll sie auch kommen. In meiner Verzweiflung habe ich heute etwas getan, was ich schon seit Jahren nicht mehr freiwillig unternommen habe. Sei Jahrzehnten und ganz sicher nicht allein. Ich war spazieren. Verflixt, ich werde alt. Spazieren. Grausam. Wie soll ein Tag damit anfangen, wenn ich nichts mit mir anzufangen weiß, außer spazieren zu gehen. In der Dämmerung. Fast schon dunkel, die ersten Sterne und ich auf freiem Feld. In diesen Momenten verfluche ich alle Gedanken, die da kommen und mich dazu bringen wollen, diesen Ort zu verlassen. Mehr Ruhe und mehr Kraft kann ich mir nicht vorstellen. Ach, doch: Australien. Mein Land, ich hatte Dich fast vergessen. Zurück, zurück, ich will zurück in Zeit und Raum, ich will wieder den Sand unter meinen Füßen spüren und ich will die Stille hören, die nicht schmerzt, sondern mich ruhig stellt. Ruhig stellt. Ruhig. Ganz ruhig. Stattdessen Hektik und Verpflichtungen ohne Pausen. Ich jammere. Ja. Aber ich habe auch guten Grund. Wirklich. Und wenn ich jetzt schreibe, dass ich ziemlich am Ende bin, dann stimmt das auch. Aber der Tag hört mir nicht zu. Selbst Schuld, ich werde nicht um seine Freundschaft buhlen. Ganz sicher nicht nicht."Feelin' groovy" - Simon & Garfunkel. Ob das gerade passend ist? Naja. Ah, "Give it away" - Red Hot Chili Peppers, das ist vermutlich besser. Irgendwie.
Ich habe mich jetzt entschieden, diesen Tag doch zu dem meinen zu machen. Ich annektiere ihn, ich werde von ihm klammheimlich Besitz ergreifen. Unmerklich. Mich unter ihn mischen. Auch wenn er schon fast vorbei ist. Vielleicht werden wir doch noch Freunde, jetzt, da er fast gegangen ist. Jetzt. Ja, vielleicht. Seltsame Tage, seltsamer Mann. Ich glaube, ich finde den Absprung nicht. Aus dem Bett den Blick über den Rand des hölzernen Balkongeländers in den Wald. Und immer im Kopf, dass ich den letzten Schritt auf das Geländer setze, mich abstoße und fliege.Vielleicht nicht lange, aber ich fliege. Ein paar Sekunden. Bruchteile.
Ich gehe ins Bett. Jetzt, in wenigen Minuten. Meine Gedanken sind einsam heute. Keine Grüße.