Hinterher

Durchatmen. Das Gras wächst schon, ich kann es hören. Die erste Lesung liegt hinter mir, zwei Tage liegt das nun schon zurück. Am Dienstag war er da, der Abend. Unausweichlich. Ein Gefühl wie früher, das ich noch von den Schauspiel-, Kabarett- und Pantomimenauftritten kannte. Lampenfieber. Aufregung vorher, ein Drama hinterher. Ich bin sehr kritisch, wenn ich mich betrachte - und ich empfand mich als schlecht. Wenig nützte es, dass die 20 geladenen Zuhörer sehr angetan waren. Für den Moment war es gut, die Gleichgesinnnte hat mich gestützt - aber am Tag darauf kam das Loch. Tief. Was für ein Fall. Absolute Leere in einem Moment, in dem ich nicht mehr damit gerechnet hatte. Die besondere, ganz andere Form der Nacktheit hat ihren Preis. Kraft habe ich gelassen - aber ich habe sie auch schon wieder gefunden, heute geht es aufwärts. Rapide. Ich bin auf dem Weg nach vorn, nach oben, die Ziele sind deutlich und klar. Und ich kann auch schon wieder lächeln. Und wenn ich auch direkt nach der Lesung für mich formulierte, es nie wieder zu tun, so wird es weitere Lesungen geben. Doch. Der große Fehler der Geschwindigkeit wird mir nicht noch einmal Knoten in die Zunge binden, die nächsten Auftritte in der Öffentlichkeit werden anders, besser. Glaube ich. Nun, ich werde es sehen, in den kommenden Wochen stelle ich einen Plan zusammen, suche ich nach Orten, wo ich lesen kann und will - und dann bin ich gespannt, was passiert. Spannend bleibt es allemal. Und die Nacktheit wird nicht weniger. Hoffentlich komme ich damit über einen längeren Zeitraum zurecht.

Aus dem Loch geholt hat mich gestern der Auftritt der Gleichgesinnten, den ich nun endlich fotografisch begleitet habe. Gut war es, wenn auch in fast privater Atomsphäre. Gut. Wirklich gut. Und die Bilder sind sehr stimmungsvoll geworden, ein paar davon werde ich im Laufe des Tages noch hier unterbringen. Ja, irgendwann. Und gestern Abend war es gut, die Gleichgesinnte zu beobachten, während dann hin und wieder meine Linsenfantasien abschweiften und in Richtung der zukünftigen, gemeinsamen Auftritte trieben. Ich denke, dass wir etwas Neues, etwas Wundervolles erschaffen werden, diese Verbindung ist wahrlich fabelhaft. Ich habe in den vergangenen Tagen wieder viel auf der Zwölfsaitigen gespielt, bin schon sicherer und besser geworden. Ein paar Tage noch, dann fällt mir wieder alles leicht, dann ist alles wieder da. Noch zwei Wochen, dann werden wir mit den Proben beginnen. Ja, und bei diesem Gedanken kann ich das Lächeln nun wirklich nicht mehr unterdrücken.

Hm. Heute geschieht noch eine ganze Menge, unter anderem wird Frau Z. hier auftauchen und mit mir über den Anzeigenverkauf für meiner Zeitung sprechen. Ah. Ich mag diese Gespräche nicht, am liebsten erklärte ich ihr: "Machen Sie es einfach so, wie sie es für richtig halten und von dem, was dann gezahlt wird, bekomme 25 Prozent." Wenn ich das dem Mann meiner Mutter erzähle, dann schlägt er die Hände über dem Kopf zusammen, das weiß ich. Ich kenne die Provisionssätze für Anzeigenverkäufer, aber das ist mir wirklich egal: Ich brauche nicht viel zu Leben, sollen andere reich werden - ich bin zufrieden, wenn ich meine Ruhe habe. Die kostet auch Geld, das habe ich schon bemerkt. Aber sie ist weitaus günstiger als das hektische Leben, das viele Menschen bevorzugen. Glaube ich. Hm. Nun, ich werde sehen, was da heute passiert, ich muss noch einiges vorbereiten. Außerdem will ich heute Abend mit der Kinoschlampe ins Lichtspielhaus, nachdem es gestern ja nicht klappte. Klappen konnte. Nun, wie auch immer.

Grüße. An AltA: Es war ein Genuss, eine Wohltat und gut bei Dir - und wie fein, dass wir zwei besondere Abende in Folge erleben konnten. Daher auch noch den Gruß an J., der mich mit seinem Interesse so wohlig überrascht hat und auch noch an A. auf der Couch sowie an alle anderen Gäste im Haus an der Elbe - Danke. An die Gleichgesinnte, die weiß, versteht, sieht und fühlt, wie das alles ist - ohne zu fragen. Unbeschreiblich und wir verraten es keinem. An Frau H. und an Ally: Danke für die Wünsche, es ist alles gut gegangen und beim nächsten Mal seid ihr hoffentlich mit dabei. Hm, habe ich noch jemanden vergessen? Oh, meine Katze, die dabei war, auch ohne es zu wissen. Und jetzt stürze ich mich wieder kopfüber in mein Leben: So lange ich nicht schwimmen muss, ist ja alles in Ordnung. Glaube ich. Ich verschenke heute Energie: Wer will, bekommt etwas davon ab.

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