Im Niemandsland
Ich habe heute alles verloren, vor allem mein Gefühl für Zeit. Der Tag glitt durch mich hindurch, ich kann mich an nichts erinnern. Vielleicht ist das auch besser so, ich weiß es nicht. Immer wieder zieht Hitze durch meinen Körper, ich habe heute Nachmittag geschlafen, weiß aber nicht, wie lange. Ich wollte einkaufen gehen. Heute Abend. Aber mir fehlte die Kraft. Und ich stapfe durch das Niemandsland, getrieben von Hitze und Zweifeln. Mensch, bin ich anstrengend. Und das Schlimmste ist, dass ich den ganzen Tag mit mir verbringen muss. Ja, ich weiß auch nicht, was in mir los ist, was ich gemacht habe. Ich weiß es nicht. Weiß es nicht. Zu allem Überfluss gibt es Kopfschmerzen. Prima. Ich erinnere mich an die SMS von K., die ich gestern Abend erhielt - ein scheinbarer Irrtum, doch ist es anstrengend genug, dass meine Nummer noch in ihrem Telefon gespeichert ist. Respektlos, die vereinbarte Ruhe zu verletzen. Absolut. Positiv an diesem Tag waren die beiden Texte, die ich für meine Zeitung aus dem Ärmel warf, alles andere bereitet mir Kopfzerbrechen. Unbedacht bin ich mit C. umgegangen, das lässt mich wieder an mir zweifeln. Ich weiß, was ich in dieser Hinsicht ändern muss, damit es mir besser geht: Nicht so viel nachdenken. Aber das ist leicht gesagt. Leicht. Von wegen leicht, heute ist nichts leicht, nicht einmal gesagt. Was für ein Tag, was für ein Tag. Und morgen der erste Tag der Hochzeit, der Polterabend, den ich fotografieren werde. Die Menschen. Am Freitag dieselben Menschen vor und im Standesamt, am Samstag die Kirche. Und ich halte mich an meiner Kamera fest. Mir graut davor, mir graut vor den Menschen. Nicht lebensfähig? Ich? Vielleicht, manchmal. Zumindest nicht gesellschaftsfähig. Oh, natürlich: Ich kann mich verstellen, ich kann mich anpassen, ich kann so tun, als ob ich dazu gehöre. Natürlich gehöre ich dazu, ich bin auch nur ein Mensch. Aber ich kann nicht begreifen, worüber sich die Menschen unterhalten, welch hohle Phrasen ihnen aus dem Mund fallen, nur damit das Band der Kommunikation nicht unterbrochen wird. Dann die peinliche Stille, die im Grunde genommen gar nicht peinlich ist, sondern nur genug Zeit zum Nachdenken bietet. Aber den Menschen ist es unangenehm, sie wünschen sich, unterhalten zu werden, statt nachzudenken. Über sich. Über den anderen. Wieder eine Phrase. Wie damals im Taxi, wenn ich den Wagen langsam von Bahnhof fortbewegte und sich der Mensch neben mir langsam nach vorn beugte, den Blick durch die Scheibe nach oben richtete, um dann kopfschüttelnd zu erklären: "Es zieht sich langsam wieder zu, dabei hatten sie doch Sonne angesagt..." Ja, Sonne. Denke ich. In meinem Herz ist Sonne. Gut, ich werde es morgen und an den anderen Tagen so machen, wie ich es schon früher tat, wenn ich auf einer Bühne stand, das Publikum desinteressiert und die Luft zu weinen schmeckte: Ich erkläre meinem Kopf, dass ich Spaß an dem habe, was ich tue - und ich bekomme auch noch Geld dafür. So. So werde ich auch die drei, vier Stunden am morgigen Abend überstehen. Denke ich.
Aus. Ich schalte aus. Alles. Jetzt. Zuvor gibt es Grüße. An C. und an niemand sonst heute, weil einige Dinge einfach sind. Einfach. Sind. Allen anderen gebe ich meine Gedanken zu treuen Augen und Händen in der Hoffnung, dass sie damit etwas anzufangen wissen.
Aus. Ich schalte aus. Alles. Jetzt. Zuvor gibt es Grüße. An C. und an niemand sonst heute, weil einige Dinge einfach sind. Einfach. Sind. Allen anderen gebe ich meine Gedanken zu treuen Augen und Händen in der Hoffnung, dass sie damit etwas anzufangen wissen.