Warum auch nicht?

So. Der Tag ist gegangen, ich bin immer noch da. Wach. Wieder schlaflos. Meine Augen brennen, tränen, schmerzen und auch andere Körperteile präsentieren sich in erbärmlicher Verfassung. Das ist schade, aber nicht zu ändern. Ich könne nicht ewig so weiter machen, rief mir heute jemand zu. Meine spontane Antwort, dass ich für die Ewigkeit gar nicht alt genug werde, warf die Stirn meines Gegenübers in Falten, der zweite Satz, in dem ich erklärte, dass ich vermutlich kaum älter als 40 Jahre werde, rief dann Kopfschütteln hervor. Gut-gut, ich gebe mir Zeit bis 45, dann sollte aber wirklich Schluss sein, dann möchte ich wieder abgeholt werden. Der Aufenthalt auf diesem Planeten ist nicht wirklich das, was ich mir immer gewünscht habe. Aber ich mache das Beste daraus. Wirklich. "Yellow Leadbetter" von Pearl Jam in der endlosen Wiederholungsschleife, viel schöner kann das Leben nicht sein. Den ganzen Abend habe ich mich schon von bezaubernder Musik tragen lassen, jetzt macht sich langsam Entspannung breit. Langsam. Oh, ja: Ich bin gut gelaunt, warum auch nicht? Seltsamerweise glauben viele Menschen, ich irrte von meinen Depressionen geschüttelt durch das Leben und wäre nicht in der Lage zu lachen oder positive Gedanken zu formen. Wirklich, das befremdet mich. Kein Mensch kann so eindimensional sein. Kein Mensch. Auch nicht ich. Ich lebe letztlich nur die Extreme aus, vor denen andere sich fürchten. Bleifuß auf der Gefühlspiste, alles und auf einmal. Kurios genug, dass viele Menschen den Verstand als wichtiges Utensil für die eigene Lebensgeschichte erachten, zumal doch das Gefühl immer wieder den richtigen Weg weist. Immer wieder. Aber kaum jemand hört darauf. Alles ist bewegt von einfachen Mechanismen, wie die Zahnräder einer Uhr, die die Zeiger bewegen. Aber das Ganze funktioniert eben nur in eine Richtung und mir ist das zu langweilig, ich will in beide, nein, ich will mich in alle Richtungen bewegen. Gleichzeitig. Gut, das geht nicht, das gebe ich zu. Selbst die Summe meine multiplen Persönlichkeiten reicht nicht aus, um das zu realisieren. Aber kann mich in mehrere Richtungen bewegen, ich muss nicht einem Pfad folgen, ich kann meine eigenen Wege finden. Neue Wege. Spannend ist das. Jeden Tag. Anstrengend, aber entsetzlich spannend. Für andere ist es spannend, aber zu entsetzlich und anstrengend. Ich will aber niemanden dazu bewegen, sich so zu verhalten wie ich es tue. Kurioserweise wollen mich aber Menschen immer wieder davon überzeugen, dass es für mich besser wäre, wenn ich mich so bewegte, wie sie es tun. Das verstehe ich nicht. Wirklich nicht. Vielleicht ist es auch zu spät dafür. Zu spät in meinem Leben.

Ich sage: Es hängt eine Geschichte in mir. Genau genommen sind es zwei, ich kann sie nur noch nicht heraus würgen. Sie kommen noch, ich bin mir sicher. Vermutlich in dieser Woche, irgendwann. Plötzlich. Aber ich kann sie schon lesen, ich kann sie fühlen, ich bin mit meinen Gedanken permanent in ihnen, doch wollen die Buchstaben, Worte, Sätze noch nicht durch meine Finger. Sie werden noch, ich weiß es. Und das ist vermutlich der wesentliche Grund dafür, dass es mir wieder ein wenig besser geht. Lächelnd. Ja. Gut gelaunt zu später Stunde - warum auch nicht?

Ich sehe mir nun noch einen Film an, wenn ich schon wach bin. Mal sehen, was ich noch finde. Ich habe in der vergangenen Nacht wieder endlos eingekauft, die Lieferung soll in der kommenden Woche eintreffen. Dabei liegen hier noch sieben Filme, die ich nicht einmal ausgepackt habe. Mensch, so geht das nicht. Nein, Armin. Das ist mal wieder maßlos. Aber. Aber ich habe dadurch immer genug Kurzweil in den Nächten. Demnach geht es doch. Geht es doch. Ja.

So. Grüße. Genau. An C. auf der Fähre - mittlerweile hast Du sicher festen Boden unter den Füßen. An das beste Ypsilon von allen, das heute Großartiges geleistet hat - keine Widerrede. An meine Nichten, die mich immer wieder lächeln machen. Meine Katze, auch wenn ich sie nicht heiraten kann. Schade. Und euch, die ihr schon in den Betten liegt, wünsche ich die Träume, von denen ihr wünscht, dass sie ihn Erfüllung gehen.

Und das einmalige Klingeln meines privaten Telefons empfinde ich als lästig. Wer mich sprechen will, soll mir keine Zeichen geben, sondern sprechen. Mensch, ich bin doch kein Kindergärtner.

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