Frustnebel

Herzlichen Glückwunsch, Armin! Es ist 2.22 Uhr und Du schläfst wieder einmal nicht, obwohl Du Besserung gelobt hast. Ja, ich hatte einen zauberhaften Abend mit S., die allerdings schon längst zurück in Kiel sein sollte und ich bin auch schon lange wieder zu Hause. Seit 90 Minuten, ein Fußballspiel hätte ich mir ansehen können, nur tritt zu dieser Zeit niemand in diesem Land gegen den Ball. Ich auch nicht, obwohl ich mal wieder hellwach bin. Prima. Noch einmal ein kräftiger Händedruck und innige Gratulationen für mich. Kurz vor halb drei, ich bin auf der der Welt: Es ist ein kranker Junge. Nebenbei habe ich eben rasch meiner teuflischen Ader freien Lauf gelassen und ein Bild ins Netz gestellt. So, da ist es nun. Ideen tummeln sich wie Delphine in meinem Kopf, steigen empor, tauchen wieder ab und gleiten dann schnell von einem Punkt zum anderen. So viele Ideen, die ich noch verwirklichen will. Und ich werde niemals fertig. Das frustriert mich, das macht mich müde, das macht mich krank. Vermutlich lähme ich mich selbst, weil ich zu viel will. Aber nein, je mehr ich will, desto mehr werde ich auch schaffen. S. behauptete heute Abend, dass mein Kopf vielleicht zu groß für meinen Körper sei - nicht physisch, nein. Ein Gedanke, der mir schmeichelt und mich gleichzeitig ängstigt, denn momentan ist mir alles zu groß. Oder zu klein, nichts will mir so recht passen. Ein permanentes Gefühl der Unzulänglichkeit. Ein Dilemma, bei dessen Beschreibung mir heute Abend doch glatt die Tränen in die Augen schossen. Nein, bitte, kein Mitleid, Armin: Wer selbst Schuld ist, soll sich nicht beklagen. Das tue ich auch gar nicht, aber Schmerzen sind dennoch vorhanden und ich will sie artikulieren können. Heute Abend, heute Nacht schlägt sich mich, schlägt sie mit eiskalter Hand zu, hinterlässt im und am Herzen Gefrierbrand, der mit den tollen, hygienischen Plastiktüten vielleicht verhindert worden wäre. Gefrierbrand am Herzen: Ein mächtiger Schlag Einsamkeit hat mich heute Nacht trifft. Ausnahmsweise bin ich mir selbst nicht gut genug, heute Nacht soll jemand an meinem Bett sitzen. Nichts tun, vielleicht leise in einem Buch blättern. Oder auf der Hälfte des Bettes liegen, die derzeit im Chaos, die in der Unordnung ertrinkt und einfach schlafen, mich mit gleichmäßigen Atemzügen betäuben. Utopie.

M. hat das Treffen für heute Abend abgesagt. Ich hätte es nicht anders gemacht - an ihrer Stelle. Ich entscheide mich dafür, dass mir ihre Entscheidung gelegen kommt, dass ich meine Zeit auf andere Weise füllen werde. Leid sei sie es. Und ich sei in mich verliebt, ausschließlich in mich. Ja. Das ist nichts Neues, meine Eigenliebe ist richtig erkannt - wenn ich auch das "ausschließlich" anzweifle. Ich betrachte ihre Absage als eine Mischung aus meiner Eigenliebe und ihrem Ansinnen, die Einzige, die Eine zu sein. Und ich gebe ihr Recht, dass es die Eine nicht gibt. Nicht, nicht mehr oder noch nicht. Ich bin mir darüber nicht im Klaren, weil mich das Thema immer an den Rand der Verzweiflung und an die Einsamkeit führt. Ich akzeptiere die Absage und das endgültige Kappen des freundschaftlichen Bandes. Und ich finde den Fehler bei mir, in meinem System - unfähig bin ich, das zu ändern. Traurig genug, gesellt sich immer wieder diese Erkenntnis hinzu.

Wie soll ich schlafen, wenn ich diese Musik höre? "microphone fiend" und "maggies farm" von rage against the machine - mein Körper wippt auf dem Stuhl auf und nieder, mein Kopf wackelt im Takt. Ich muss dringend mal wieder tanzen, ich muss mich dringend mal wieder in dieser Form bewegen. Mir fällt Australien ein, als ich mit dem Walkman ausgestattet am Strand von Byron Bay unter dem Sternenhimmel tanzte. Puh, das ist mehr als zehn Jahre her, es war dieselbe Gruppe von Musikern, die mir auch heute Kraft in den Körper drückt. Es gibt Abende, die vergesse ich nicht. Und es gibt Geschichten, die wahr sind und niemals wahr sein dürften. Und es gibt Wahrheiten, die als Geschichten besser schmecken. Vergessen sie diesen Satz nicht, Herr Sengbusch - gut, dass sie ihn aufgeschrieben haben, so können sie noch darauf zurückgreifen.

Ich schließe mich nun ein. In mir selbst. Sollte ich morgen den Schlüssel finden, dann hoffe ich auf einen guten Tag. Nein, ich glaube an den guten Tag, dem ich morgen begegne. Punktum. Und ein paar Grüße: An S., für den großartigen Abend, wobei ich immer noch nicht weiß, wie lange unser erstes Treffen nun zurückliegt. An B., die sich genau wie ich auf den nächsten Ally-Abend freut, an O., mit dem ich an einem anderen Abend die Welt verunsichern werde. Zeit ist endlos. Und allen anderen wünsche ich Schlaf und ein Lächeln beim Aufwachen: Der Teufel ist nicht immer böse.

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