Neid und Missgunst sind hässliche Fratzen, sie stehen niemandem gut zu Gesicht. Noch schlimmer sind freilich die Menschen, die aufgrund Aussagen anderer sich eine Meinung bilden und dann diese als wahr und unumstößlich manifestieren. Nein, gegen Meinungen haben ich wahrlich nichts, aber sie sollte doch aus dem eigenen Blickwinkel erzeugt werden, bevor ein Urteil gefällt wird. Denke ich in meinem naiven Kopf, der mal wieder wund geworden ist, von so viel seltsamen Gedanken, die mir andere ungefragt entgegen warfen. Hinter einer Geschichte steckt immer eine andere, deswegen bin ich niemandem wirklich gram, wenn er mich in eine Schublade steckt, obwohl er oder sie mich weder kennt noch mit mir gesprochen hat. Jeder spricht für sich selbst und kann frei entscheiden, wie er sich präsentiert. Ich bin da nach anfänglichem Kopfrauschen schon wieder ganz entspannt und selbst die Menschen, die mir vordergründig zunicken, hinter meinem Rücken aber Gift verspritzen, denen kann ich nur mit einem milden Lächeln begegnen - eben weil sie für sich selbst sprechen. Ganz sicher schmerzt es mich immer wieder, aber ich kann die Menschen nicht ändern und ich will es auch gar nicht. Das Leben ist nichts, was ich verstehen oder erklären möchte, ich will einfach nur wach bleiben und dabei sein. Punkt.
Ach, in der Heldenbar in Essen war es wieder sehr angenehm - wenn auch die Poeten in Zahlen nur zu fünft waren. Dafür standen mit Laura Reichel, Clara Nielson, Nico Semsrott und Thomas Spitzer echte Hochkaräter auf der Bühne der Heldenbar, wobei sich Thomas wieder einmal Startplatz eins einhandelte, es aber wieder sportlich nahm. Der Mann ist einfach ein angenehmer Zeitgenosse, wie überhaupt die Zusammenstellung an dem Abend kaum schöner hätte sein können. Und dass Nico im Finale kurzfristig den bereits begonnenen Text wieder ad acta legte, dann den Sieg einsteckte und sich zu recht freuen durfte, rundete den Abend ab. Allerdings wurde es dann in der Nacht unangenehm frostig, weil die Neumann-Wohnung one Heizung nicht warm werden wollte, so dass der Herr Spitzer mit blauen Lippen und klammen Fingern frühzeitig abreiste, Clara, Nico und ich folgten etwas später - nicht minder mit Frostbeulen übersät.
Wie es den anderen ergangenen ist, weiß ich nicht. Aber ich durfte mich im Hotel Wartburg in Braunschweig aufwärmen, lag unter der Dusche und unter der Decke, dann noch einmal unter der Dusche und noch einmal unter der Decke, ehe mich Jan Egge weckte. Am Abend dann ein sehr abwechslungsreiches Programm im Roten Saal im Braunschweiger Schloss, bei dem Frank Klötgen, Hauke Trustoff und die Beatpoeten zeigten, was sie können. Dabei hatten es Egge und die Beatpoeten schwer, gaben aber alles und sorgten für eine herrliche Anarcho-Stimmung, die den Saal in Pole teilte. Wunderbar. Und ich habe ganz schrecklich viele Bücher verkauft, was jedoch nicht im direkten Zusammenhang mit der Rotwein-Verköstigung stand, deren Konsum ebenfalls ausufernd war. Nach einer Stippvisite bei einem Nahrungsbrei-Geschäft mit vegetarischen Neigungen wankten wir ins Hotel zurück und waren alle glücklich. Eingeschlafen bin ich im Zeitraffer, das Aufwachen dauerte ungleich länger.
Und dann war da noch die Slampionsleague in Minden. Die Stadt in Ostwestfalen, die Veranstaltung in einer Kirche, alles ein wenig anders, alles ein wenig ungewöhnlich, aber nicht schlechter. Nur eben anders. Großartige Poeten gingen an den Start, darunter auch Neulinge, die ihren Auftrag auf der Bühne erfrischend gut erledigten und sich bis ins Halbfinale schlugen. Die dunkle Vorahnung, dass es Barbara Rademacher und ich es ins Finale schaffen würden, bestätigte sich am späten Abend und endete mit einem knappen Ergebnis, das Barbara einen Bücher-Gutschein und wohl auch die Flasche Sekt bescherte, die der gute Sven aus Gründen der permanenten Abstinenz nicht annehmen wollte. Ein wenig schade war es dann nur, dass ich der einzige Übernachtungsgast im BÜZ war. Einerseits hatte ich dadurch meine Ruhe, andererseits war ich in einem kalten Raum dadurch allein und musste dementsprechend auch allein jammern. So schlimm wie in Essen war es dabei nicht und das Frühstück im Hotel Victoria entschädigte mich ohnehin für alles. Fremder, kommst du nach Minden, so erwarte etwas anderes und du wirst nicht überrascht. Schön ist es dort allemal, nur eben anders.
So. Ein paar Minuten später habe ich jetzt auch noch ein wenig vom Mezzo-Mix genippt, bin wirklich müde und kann aber nicht einschlafen. Jetzt wäre es fein, wenn mir jemand etwas vorläse. Ich revanchierte mich dann auch irgendwann einmal, allerdings nur dann, wenn es jetzt sofort geschähe. Bitte? Gut, dann eben nicht.
Grüße. An Barbara Rademacher und Sven Stickling, an Frank Klötgen, Hauke Trustorff und an Jan Egge und seine Beatpoeten, an Nico und Clara und an den Reisebegleiter Thomas, dessen Abonnement auf den ersten Startplatz hoffentlich beendet ist. Und an Dominik für die Verbindung sowie an die Unendlichkeit, die mir manchmal fehlt, auch wenn sie da ist.
Und, ja, sie werden irgendwann kommen und mich abholen... |
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Es ist an der Zeit, die Wahrheit zu sagen, nichts zu verschweigen.“Die Wahrheit”, sagt mein Bruder, “die Wahrheit ist die beste Lüge, denn niemand wird dir glauben.” Niemand wird mir glauben, davon bin ich überzeugt, aber ich habe mir sein jenem Abend selbst versprochen, nur noch die Wahrheit zu sagen. Nichts anderes als die Wahrheit, auch wenn mir kein Gott helfen kann. (aus "Feuerbrüder")
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