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Geschichten und Gedanken




Der Mann neben mir
geschrieben am: Wednesday, 14. July 2010, 17.57 Uhr

Das Tagebuch

Irgendwie ist mir warm. Innen ja ohnehin, aber die äußeren Zellwände an der Epidermis sind das Problem. Und wenn diese ein Problem haben, dann habe ich eines. Mir ist also irgendwie warm und ich muss das ertragen, was ich nie wollte. Es ist so, als ob ich etwas essen müsste, das ich weder bestellt noch aufgefüllt habe, es ist ein wenig wie Politik und ein bisschen wie die Liebe. Beim einen umgekehrt, beim anderen genauso. Warm ist mir und ich mag es nicht, wenn mir warm wird. Ich darf mir aber zugute halten, dass ich den Sommer schon immer verteufelt habe und nicht wie viele andere opportunistisch nach jahrelangem Jammern und Betteln um mehr Sonne, nun komplett umschwenken und um Regen winseln. Jedes Jahr dasselbe, die Menschen wissen nicht, was sie wollen und jammern, ich weiß, was ich will und jammere auch. Ein bisschen. Übertreiben soll man es nicht, deshalb ist mir ja auch nur irgendwie warm und nicht verdammte Scheiße heiß. Ich trage zum zweiten Mal in diesem Jahr ein kurzärmliges Oberteil und das will schon etwas heißen. Entgegen allen Unkenrufen zerfalle ich aber nicht zu Staub, wenn die Sonne mich trifft. 

 

Nürnberg. Morgen. Heute auch schon, aber es geht gleich noch weiter nach Weißenburg. Schöner Name und bis vor Kurzem wusste ich nicht einmal, wo das ist: etwas südlich von Nürnberg, ungefähr auf halber Strecke nach Ingolstadt. Fußballfans und Audi-Freunde sollte diese Erklärung ausreichen, alle anderen sehen auf der Karte nach, wo ich mich gerade befinde. Im Land des Rauchverbots. Und ich rauche gar nicht. Momentan atme ich nicht einmal, weil der Mann neben mir seltsam riecht. Jetzt muss ich schnell einen ganzen Absatz schreiben, damit er, wenn er herübersieht, nicht bemerkt, dass mir sein Geruch nicht gefällt. Andererseits könnte es für ihn auch hilfreich sein, so eine Information zu bekommen, vielleicht haben ihn Freunde und Verwandte längst verlassen und er weiß nicht, warum. Vielleicht passt aber auch nur mir der Geruch nicht und andere empfinden seine Ausdünstungen wie den Duft von frischen Rosen. Oder Vanille. Was auch immer. Ich hänge fest. In diesem Absatz. Gleich guckt der Mann. Dann mache ich schnell den Laptop zu und tue so, als ob ich gerade gehen will. Vielleicht gehe ich dann auch wirklich, mein Zug kommt gleich. Mensch. Beim nächsten Mal schreibe ich entweder etwas Harmloses oder nichts über den Menschen, der neben mir sitzt. Das ist ja anstrengend. 

 

Erst am Mittwoch bin ich wieder zu Hause, das ist jetzt auch in Ordnung so. Spätestens dann sollte das Internet im Wald auch wieder bereit sein. Länger warte ich dann auf jeden Fall nicht, liebe Damen und Herren von der Telekom. Denn: Wenn man einen Fehler macht, dann muss man ihn auch selbst ausbügeln. Sonst macht das Leben ja keinen Sinn.

 

Und irgendwann kommen sie und holen mich ab...

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